Samstag, 18. Juli 2015

Brotzeit in der "Alten Schule" in Wolfskofen

Amal ganz ohne Schmarrn: So ein sonniger Feierabend unter der Woche schreit doch regelrecht nach einem Biergartenbesuch, oder ...?
Die Frage nur: Wohin? Eine erneute Pleite wie zuletzt im Spitalkeller hätte unser harmoniebedürftiges bajuwarisches Gemüt nicht verkraftet. Wenn schon in der Stadt Bastion für Bastion ehemals königlich-bayerischer Biergartenkultur dem Weltkulturerbe-Tourismus und dem ungebremsten Zuzug anspruchs- wie traditionsloser Preissn geopfert zu werden scheint, wie wäre es dann mit einem Ausflug aufs Land?

Südöstlich der Stadt, hinaus auf der B8, vorbei an Rosenhof, liegt das 180-Seelen-Dorf  Wolfskofen. Dort könne man sinnigerweise ganz "Old School" im Gasthaus Alte Schule in einem gmiatlichen Biergarten unter alten Kastanienbäumen und einem süffigen Kneitinger Bier im Glas, Biergartenbrotzeiten ohne überkanditelten Schischi und Anbiederung an  zeitgeistige, neobajuwarischer Gleichmacherei der Speisekarten finden, wurde uns verraten.
von Robert Bock

Bitte beachten:Sämtliche Posts stellen persönliche und höchst subjektive Meinungsbilder des jeweiligen Verfassers dar und sind auf keinen Fall verallgemeinerbar. Das Recht zu sachlicher Kritik ergibt sich aus dem im Artikel 5 des Grundgesetzes verbrieften Recht auf freie Meinungsäußerung - auch wenn negative Kritik manchmal sehr unliebsam sein kann. Gastronomen, Küchenpersonal und Servicekräfte sind wie die Gäste Menschen und haben gute und schlechte Tage im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Jede Kritik ist also eine lediglich subjektive Momentaufnahme: Was heute schlecht war, kann morgen gut sei und umgekehrt. Die Verfasser der Beiträge dieses Blogs bemühen sich um Konstruktivität, um Gastronomen zu helfen, kontinuierliche Verbesserungsprozesse zu initiieren und für potenzielle Gäste die Markttransparenz zu verbessern.

Keine "Scampi-Spieße im Radicchioschlafrock mit Bretznknödelstrudel an Balsamicoreduktion"  an der der thüringische Küchenchef wieder und wieder tragisch scheitert, keine "Börger vom Streuobstwiesenrind" mit "Sweet-Potatoe-Sticks", die äußerlich anmuten wie Ötzis gefrierbrandgeschädigtes jungsteinzeitliches Geschlechtsteil, oder gar der mir persönlich grundverhasste "Salat mit Putenstreifen"...

Nein, in der "Alten Schule" alles "Old School", dort sei der Schweinsbraten noch ein Schweinsbraten, trug man uns zu - weder ein Schweinebraten noch ein Carpaccio vom Schweineleichnam. Hier werde ned getschüsselt, hier sage man Servus und Pfiar'God.  Hier in Wolfskofen wüssten die Wirtsleute Lehr noch was d'Leit von einem bayerischen Wirtshaus erwarten: Ehrlich, bodenständig, ohne unlautere Hilfe aus dem Packerl koche die Helga Lehr dort sonntags, wenn es nur eine Handvoll Bratenklassiker wie Schweins- oder Spanferkelrollbraten mit Knödel gebe, ansonsten Brotzeiten wie in der guten alten Zeit und zwar so reichlich, dass ein jeder satt werde. Und der Dieter, ihr Mann, der sei ein Wirt mit Leib und Seele, nehme sich Zeit für seine Gäste und schiene selbst mit sich und seiner Welt erst dann zufrieden, wenn es seine Gästen ebenfalls seien.

copyright 2015 Robert Bock
Hand aufs Herz, liebe Leserinnen und Leser meines Blogs: Machte Euch nicht auch solch Vorschußlorbeer Lust, die Probe aufs Exempel zu machen? Gedacht, getan, auf nach Wolfskofen. Wie gesagt, es war ein optimaler Biergartenabend, unter der Woche kein großer Andrang zu erwarten. Bei unserer Ankunft war erst ein Tisch mit sechs gutgelaunten Dörflern besetzt. Deren Gespräche zu belauschen, daran würde Gerhard Polt seine helle Freude haben: Wo in der Stadt findet man ihn noch: den Wirtshausphilosophen niederbayerisch-oberpfälzischer Prägung? Hier an der B8 in Richtung Straubing, da schlägt das Herz der Leute niederbayerisch, hier ist der Menschenschlag von leichterer Seele als weiter droben im Norden.

Der Wirt steht keine 30 Sekunden nachdem wir Platz genommen haben bei uns und strahlt Gastfreundschaft und Freude über zwei neue Gesichter unter seinen Gästen aus. Wir bestellen zwei Radler (2,70 EUR) und bitten um die Speisekarte. Beides kommt schneller, als wir uns mit dem lauschigen, sehr grünen Garten und seinem beeindruckenden Bestand an dichtbelaubten Kastanien vertraut machen können. Eine Oase der Ruhe keine 300 Meter Luftlinie von der B8. Allerdings auch keine Kinder auf dem Spielplatz, die "Zukunftsmusik" verbreiten könnten. Das Haus an sich ist architektonisch keine Augenweide. Es verfügt aber über Platz für Familienfeiern bis 130 Sitzplätzen und über einen Saal mit Theaterbühne.

Die Karte so übersichtlich und gleichzeitig so vollständig wie man sie sich in einem Dorfwirtshaus  vorstellt; die Preise optisch am unteren Rand des einem Stadtmenschen Gewohnten und gemessen an den Portionen, wie wir im Laufe des Abends lernten, ausgesprochen günstig:


Gut, über die unbedingte Notwenigkeit der letzten beiden Positionen könnte man streiten. Ob nicht ein Obatzda mit Brot oder eine Portion Radi aufgenommen werden sollte, könnte man ja mal probieren. Dies als Anregung unsererseits ... Wichtig ist: Hier in der Alten Schule kann auch eine mehrköpfige Familie mit normalem Einkommen ohne schmerzhafte Breschen im knappen Familienbudget einen Aufenthalt im Biergarten geniessen. Vorbildlich - aber na klar: Die Raumkosten sind hier in Wolfskofen nicht dieselben wie in der Regensburger Altstadt, das darf man nicht vergessen.
Der Brotzeitteller "Alte Schule", für den wir uns jeweils entschieden, lässt für 7,90 EUR kaum einen Wunsch offen, und wer das obige Bild für eine optische Täuschung hielt, kann sich hier nochmals aus der Perspektive des Gastes überzeugen, der diese Platte gleich vernichten wird:

Auf dem Holzbrettl - so wie die Unterlage einer Brotzeitplatte aus hygienischen Gründen unseres Erachtens auszusehen hat - Griebenschmalz und Obatzda - beides zusammen auf einer Platte ist rar. Ausgezeichneter, saftiger, schön durchwachsener kalter Braten - hausgemacht wie der Wirt uns nicht ohne Stolz verrät, als wir ihn nach dem Metzger fragen - Leberkäs, ein milder roher Schinken, Pressack r/w, gekochtes Ei, Emmentaler, Brie, Essiggurkerl, Gurken und Tomaten. Mei, was sagst etz da? Würd ich noch auf Radi oder Radieserl Wert legen, ein paar Zwiebelringe oder einen Butter - es hätte mich nicht gewundert, wenn wir das nicht auch noch bekommen hätten, wenn wir gefragt hätten.

Der Brotkorb randvoll: 10 große Scheiben  zweierlei Schwarzbrotes vom Ebner. Das schmeckt man, das Brot ist Weltklasse und im Preis des Brotzeittellers inbegriffen. Das sag ich, der alle heilige Zeit einmal ein Brot isst, und damit ist im Grunde genommen alles gesagt. Die Geizerei mit dem Brot, wie sie sich seuchenartig auszubreiten scheint, ist hier bislang gescheitert. Darauf ist Dieter Lehr stolz; das gehöre bei ihm und seiner Frau zur Geschäftsphilosophie: er sei zufrieden, wenn der Gast zufrieden sei. Wir mögen was er sagt und wie er es sagt. Dieter Lehr ist einer von der Sorte Mensch, ihm würden wir unbesehen einen gebrauchten Traktor abkaufen.

Inzwischen sind vier Tische besetzt. Ein älteres Ehepaar mit Elektro-Fahrrädern ("I-Baiks hoaßt des", korrigiert ein Stammtischbruder seinen Nebenmann: "Lern endlich Deitsch!") läßt sich nieder und der Wirt bringt ihnen ein schöne Portion Wurstsalat und eine Sulz, die aussieht wie eine Tellersulz in Bayern auszusehen hat. Niemand käme in Wolfskofen auf die abstruse Idee, den Stand mit Sulzenpulver anzusetzen, in Halbkugelform zu präsentieren und sich ob seiner Kreativität selbst tagein, tagaus auf die Schulter zu klopfen. Und wisst ihr was das unserer Meinung nach ist?: Das ist gut so!

Unsere Brotzeit neigt sich ihrem Ende, aber ich lasse mir noch ein zweites Radler kommen, weil es sich grad so gemütlich sitzt. Der Wirt fragt, ob wir noch einen Obstler aufs Haus zur Verdauung haben möchten - der sei nur Obst und bequemer zu essen als das, woraus er gemacht sei. Wir verzichten dankend, freuen uns aber über die freundliche Geste.

Gut, dass ich heut nicht fahren muss. Pappsatt mach ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem, lasse mich über die Felder kutschieren und blinzle zufrieden in die tiefstehende Sonne. Irgendwann werden wir wiederkommen, haben wir beschlossen; dann an einem Sonntagmittag zum Schweinsbraten.

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