Dienstag, 20. Oktober 2015

Südtirol revisited: Whisky, Haxn und Olivenöldesaster

Foto: Robert Bock
Im Sommer habe ich mit euch ein paar kulinarische Reiseeindrücke unseres Kurzaufenthaltes in Südtirol geteilt. Im Rahmen eines dreiteiligen Südtirol-Specials ging es dabei unter anderem um unsere Anreise und Rastpunkte hinter dem Reschenpass sowie zwei empfehlenswerte Lokale im Meraner Land: Dem Gasthof Ungericht Hof in Kuens und dem Gaston in der Meraner Laubengasse.

Um den Tag der Deutschen Einheit herum stand uns der Sinn erneut nach ein paar Tagen Südtirol - diesmal primär, um mittlerweile erhebliche Lücken in unserem Weinkeller zu schließen, und die ein oder andere neue kulinarische Spezialität und Lokalität aufzutun. Ich darf euch versprechen: Wir waren auf ganzer Linie erfolgreich! 
von Robert Bock

So erfolgreich, dass es erneut ein Mehrteiler werden wird: es waren einfach der Eindrücke und spannenden Erfahrungen zu viele: Vier Winzergenossenschaften haben wir besucht und Wein um Wein verkostet und waren dabei nur selten zufrieden, oft enttäuscht und leider nur in zwei Fällen begeistert.

Aber wir bewundern die Marketing-Experten der Südtiroler Weinwirtschaft, wie sie es tatsächlich schaffen, mit allerlei Klimbim und sündhaft teuerer, exaltierter Architektur, Mittelmaß im Kernprodukt als Spitzenklasse zu positionieren und teils unangemessen hohe Preise für ihre überwiegend durchschnittlichen Tröpfchen aufzurufen. Hier bedarf es dem Weinfreund, vor allem aber dem Laien eines unbestechlichen Wegweisers - den wollen wir gerne spielen.

Zwei sehr interessante Restaurants - in St. Martin im Passeiertal und in Sirmian haben wir neu entdeckt und die könnten euch möglicherweise ebenfalls interessieren - dazu dann mehr in kommenden Artikeln: Beide Familienbetriebe verdienen eine separate und exklusive Würdigung ihrer uns dargebotenen Kunst.

In diesem ersten Teil berichten wir über eine - aus unserer Sicht - sensationelle Entdeckung im Städtchen Glurns: Dort findet sich nämlich seit nicht allzu langer Zeit die erste und einzige Whisky-Destillerie Italiens. Die haben wir besucht und waren vom Gesamtkonzept sehr angetan.

Außerdem drei Follow-Ups: Wir waren erneut im Ungericht Hof, im Gaston und auch im Vinschger Bauernladen in Naturns - und vom Gaston gibt es leider nicht nur Positives zu berichten.

Foto: Robert Bock
Zunächst aber zur Destillerie Puni in Glurns: Madame und ich sind blutige Laien, was das Thema Whisky angeht, aber mutig und interessiert daran, Neues kennenzulernen. Wer immer nur auf seinen alten Trampelpfaden wandelt, verpasst ganz einfach viel zu viel vom Leben ... Ok, manchmal fällt man bei Experimenten auch gehörig auf die Schnauze, aber was solls: wer nicht wagt, der nicht gewinnt ...
Puni in Glurns also, Whiskey aus dem Vinschgau. Wo hat man so etwas schon gehört? Wir nicht - ich stieß eher zufällig bei der Planung unseres Trips auf diese, nennen wir es: Absonderlichkeit. Mich beeindruckt zunächst das in sich wunderbar stimmige Gesamtkonzept aus Produkt, Verpackung und Präsentation, Innenarchitektur und Architektur. Die Fotos sprechen meiner Ansicht nach für sich: Ein Glaskubus integiert in einen Backsteinkubus - angelenht an das typische Vinschgauer Design von Scheunenfenstern - und im Hintergrund eine grandiose Sicht auf das Ortlermassiv. Das hat was!

Foto: Robert Bock
Der Showroom ist schlicht wie die Produktpalette, durch den gläsernen Boden kann man die Kupferbrennblasen für den Triple-Malt sehen (Weizen, Gerste, Roggen), der unweit in alten Bunkern aus dem ersten Weltkrieg in gebrauchten Weinfässern reift, in denen zuvor verschiedene italienische Weine lagerten und dabei Aromen ans Holz abgeben durften.

Foto: Robert Bock
Die Flasche - ich sage in diesem Fall lieber: der Flacon - ist geschmackvoll schlicht, der Preis für einen erst drei Jahre alten Tropfen mit 45 EUR für 0,75 Liter sehr stolz. Zu diesem Preis, meinte ein Südtiroler Wirt mit imposanter Whiskey-Auswahl auf der Karte, den wir auf Puni ansprachen, bekäme man auch einen zwölf Jahre alten Schotten guter Qualität ... Wie gesagt: Madame und ich sind, was Whiskey angeht, Laien: unser beider Erfahrungen mit Bourbon, Scotch und Co. waren bislang eher nicht dazu angetan, vertiefteres Interesse an dieser Spirituose zu wecken, aber das Probegläschen (1,50 EUR - Freibierlätschn und schwäbische Bustouristen in kieselfarbigen Funktionsklamotten gehen hier gottlob leer aus) war ein echtes Erlebnis: Ein runder, weicher Whisky, sehr fruchtig, anschmeichelnd süß, mundfüllend und hochkomplex wie ein ausgezeichneter Wein.

Foto: Robert Bock
Hätte ich nicht gewußt, dass ich einen Whisky verkoste, ich hätte auf einen Armanac oder Cognac getippt. Feine Sache! Wenn es nicht erst 10 Uhr morgens gewesen wäre, hätte ich mir wohl noch einen zweiten genehmigt, so angetan war ich. Madame gefiel der Sahnelikör nach Baileys-Art besser. Ich kann dieser Art von Sahnelikören seit jeher wenig abgewinnen.

Eine schöne Idee ist ein Degustationset zu 25 EUR, darin enthalten drei Reifestadien des Puni-Whisky: Null Monate (also im Grunde ein Kornbrand), 6 Monate und drei Jahre. Auf das Verkosten dieses Mitbringels an einem kalten Winterabend auf dem heimischen Sofa freue ich mich schon jetzt ...

Unser Tipp: Wenn ihr über den Reschen wollt, plant einen Stop in Glurns ein und macht doch selbst einmal die Probe aufs Exempel. Für echte Kenner liegt der Reiz sicherlich im Exotischen, für Whisky-Anfänger wie wir sie sind, könnte die Selbsterfahrung möglicherweise neue kulinarische Horizonte öffnen ...

Foto: Robert Bock
Die Götter der Kulinarik und Gastrosophie meinen es an diesem Tag mit uns besser als Petrus mit dem Wetter: Keine 100 Meter von der Destillerie entfernt befindet sich der ein Glurnser Metzger, die Metzgerei Mair: Speck und Salami satt - natürlich konnten wir auch hier nicht Nein sagen und haben ein paar Spezialitäten eingekauft. Ausgezeichnet und preislich unter dem üblichen Niveau der üblichen Fremdenverkehrs-Hotspots. Wer auf Speck, Kaminwurzen, Salami und diverse andere Südtiroler Wurstspezialitäten steht, der wird hier fündig.
"So schmeckt der Vinschgau", lautet der Claim und wenn er überall so schmecken würde, der Speck, dann wäre der Vinschgau noch berühmter als ohnehin. Bei Mair kauft vor allem die einheimische Bevölkerung ein - und das ist nie ein schlechtes Zeichen, wenn man im Ausland Lebensmittel kauft. Ein Grund mehr, in Glurns eine Pause einzulegen. Und derer gibts es auch ohne Puni und Mair viele.

Foto: Robert Bock
Wie könnten wir den Vinschgau Richtung Meran verlassen, ohne uns im Vinschger Bauernladen in Naturns eine großzügige Brettljause mit Käse, Speck, Hirsch- und Rindssalami nebst Vinschger Paarln und Schüttelbrot genehmigt zu haben? Dazu ein Gläschen Vinschger Weißwein, die erste Flasche unseres geliebten Meraner Mineralwassers vom Vigiljoch und hinterher einen Espresso der Tote zum Leben erweckt? Never ever!
Außerdem: Essig- und Kräutersalzspezialitäten kann man nie genug in der heimischen Küche haben, oder? Der Geldschein schreit: "Geh, lass mi aus", dann lassen wir ihn eben fliegen ...

Foto: Robert Bock
Ein Aufenthalt im Meraner Land ohne einen Besuch des Gasthofes Ungericht Hof in Kuens ist uns unvorstellbar: Diesmal nicht auf der Terrasse mit der herrlichen Sicht auf Schenna und das Etschtal mit der charakteristischen Nase des Gantkofel, sondern - der kühlen Witterung geschuldet - in der wunderschönen, holzvertäfelten Bauernstube, schräg vis a vis des Herrgottswinkels.

Madame folgt ihren Leidenschaften und bestellt - abseits des offiziellen Angebots der Karte - Bratkartoffeln mit Speck und Gemüse nebst eines Krautsalates - Sonderwünsche werden immer gerne erfüllt im Ungericht Hof. Das mögen wir, das ist Gastorientierung.

Dazu bestellt Madame (Aufgepasst!): ein Radler. Dieses auf Basis des heimischen Bieres der Brauerei Forst und einer sehr herben Zitronenlimonade. es schmeckt anders als daheim, aber es schmeckt gut. Madame ist ein wenig erkältet, aber das ebenso ausgezeichnet zubereitete, wie schlichte Mahl aus guten Zutaten weckt zuverlässig ihre Lebensgeister.

Ich wähle einen kargen, spartanischen Snack, weil es  bekanntlich heißt, zu Abend solle man speisen wie ein Bettelmann: Schweinshaxn mit Speck-Kraut-Salat und Gemüse. Der wird im Ungericht Hof imposant inszeniert: Mit einem Dolch an dem gleich noch ein veritabler Nachtisch in Form von Melone, Cocktailtomate und ein viertelter Apfel aus eigener Ranch aufgespießt ist. Dazu Kren und ein Tübchen Estragonsenf.
Es mag Leute geben, die würden sagen: Aber Hallo, da sind ja Protionen für Holzhacker! Denen schmettere ich entgegen: Hey, sind wir das tief in uns drin nicht alle?

Der Haxn schmeckt vorzüglich, das Weizen dazu kommt aus Weihenstephan. Passt, sitzt, wackelt und hat Luft. Ein feines Abendessen und hinterher aufs Haus ein Stamperl Holunderlikör und ein zünftiger Schmaaz mit der Wirtin. Wir wissen, warum wir hier Stammgäste sind. In meinem Fall seit nunmehr 39 Jahren. By the way: Der Rand des Tellers gehört wieder dem Gast ... Ob es an meiner letzten Besprechung liegt?

Foto: Robert Bock
Auch im Gaston in Meran waren wir wieder - und das wurde ein unfreiwilliger Check-Up, den wir uns anders gewünscht hätten. Nein, unser beider Speisen und der Wein (Laimburger Riesling - kein König finessenreichen Spiels von Frucht und Säure, eher ein kraftstrotzender Prügel) waren vorzüglich wie im Grunde immer, aber das von uns dort so geschätzte, enorm fruchtige Olivenöl zu Salat und Pizza wurde zwar in den gleichen Karaffen wie stets am Tisch serviert, aber der Inhalt war - wir können uns unsere Meinung in so einem Fall nicht verkneifen - eine Frechheit: In der Karaffe schimmerte das Öl beinahe so grün wie immer, auf dem Teller war es nahezu transparent- wie geht denn das? Ein transparentes Olivenöl? Was würde meine Nummer-Eins-Expertin in Olivenölfragen Spyridoula dazu sagen? Schade, dass sie nicht mit uns zu Tisch saß: das wäre interessant geworden ... Wir probieren dieses obskure, geruchsneutrale Öl - es schmeckt im ersten Moment - völlig konträr zu unseren bisherigen Erfahrungen hier - nach nichts. Neutral wie ein Sonnenblumen- oder Rapsöl. Halt nein, ein ganz ein zarter, feiner Anklang, allerdings ein lascher Abklatsch der gewohnten Qualität enthüllt sich schüchtern am Gaumen - wie kann das sein?

Wir formulieren Hypothesen: Nun, wir schreiben Oktober: vielleicht ist die 2014er Ernte des (nach Auskunft des Service im Sommer) selbstproduzierten Öls aufgebraucht und die 2015er Ernte ist noch am Baum? Vielleicht fiel 2014 ja - wie großflächig in Italien generell - die Ernte aus? Warum aber werde ich den Verdacht nicht los, dass da die letzten Restbestände des formidablen Öls mit billigem Pflanzenöl diffuser Sortierung "verschnitten"wurden? Ich vermeide bewußt Begriffe wie "gestreckt" oder "gepanscht"weil diese einen so negativen Beigeschmack haben. Sprechen wir eher von einer "Cuvee" ...

Wir sind enttäuscht, ja wir sind sauer: Ein Alleinstellungsmerkmal des Gaston, ein Grund uns auf das Lokal zu freuen, war für uns stets das wunderbare Öl - und jetzt das. Man hätte auch ein gutes Olivenöl aus Griechenland zur Überbrückung bis zur Verfügbarkeit neuen Ernte kaufen können (was einem Sternekoch wie Anton Schmaus recht ist, darf dem Gaston doch billig sein ...), aber dass möglicherweise nach Art der italienischen Olivenöl-"Familie" "verschnitten" wurde, dieser Verdacht, der uns einmal beschlichen hat, verlässt uns so schnell nicht wieder und hinterlässt einen bittereren Nachgeschmack, als jedes herbe Olivenöl.

Foto: Robert Bock
Dieses Thema ausgeblendet, ist unser Essen aber wieder einmal vorzüglich: Madame bestellt Dreierelei Bruschette: Es kommen Je zwei Tomate, Pesto (Basilikum und Petersilie, dekonstruieren wir) mit warmem Weißfisch (Zander?) sowie Lachstatar (aus rohem und einem Hauch geräuchtem Lachs), sowie Cocktailsauce. Raukengedöns und Kapernäpfel komplettieren das Ensemble. Das Ganze für 8,50 EUR ist unseres Erachtens ziemlich OK.
Madame hätte sich gefreut, wenn das Brot etwas röscher angeröstet worden wäre und auch ein paar Spänchen Parmesan auf den Tomatenbruschette hätten dem Genuss die Krone aufgesetzt. Aber: Das Gericht ist in sich stimmig, die Qualität der Zutaten ausgezeichnet - ein Schuß guten Olivenöls hätte halt noch gefehlt ... Schon holt uns dieses unappetitliche Thema wieder ein und versaut uns ein wenig die gute Mittagslaune in der Laubengasse zu Meran.

Auch auf meiner Pizza Meranese (9,90 EUR) hätte mir ein Spritzer guten Öls gefallen. Sie war aber auch so sehr, sehr gut: Der Boden hauchdünn und knusprig mit schönem Brotaroma. Der Belag mit Tomate, Mozarella, scharfer Salami, Zucchini und Brie eine schöne Zusammenstellung. Ich kenne wenige Pizzerien, die das Thema Pizza so virtuos beherrschen, wie das Gaston.

Zum Abschluß eine kleine, vielleicht nebensächliche absolut zufällige Entdeckung in Tramin im Südtiroler Unterland: Im Cafe Weis, in der Weinstraße 27 serviert man nicht nur einen ausgezeichneten Kaffee, sondern auch einen bemerkenswert guten Kastanienbecher. Der kommt mit hausgemachtem Vanille- und Kastanieneis daher, darauf durch die Kartoffelpresse gedrückte gekochte Maroni oder ein Maronipüree, Schlagsahne und darauf eine herrliche, in Alkohol eingelegte Esskastanie. Das Werk zwar für stolze 8 EUR, aber die war mir der Genuß wert - und sollte ich dort je wieder vorbeikommen, gerne wieder. Das Ambiente des Cafes ist zwar keinesfalls ein Burner - ein obskures Deko-Sammelsurium mit Fußball- und Eishockey-Trikots und einem gastronomischem Konzept, das es jedem Recht machen will, aber letztlich aus genau diesem Grund niemandem Recht machen kann - aber der Kaffee und dieser Kastanienbecher: Daumen hoch!

Mein persönliches Fundstück dieser Tage ist allerdings eine Bäckerei: Böse Zungen behaupten, sie sei berüchtigt für ihre steinhartes Baguette - andere schwören Stein und Bein, deren Brot sei die Südtiroler Variante von Viagra ;)


Im nächsten Teil des Berichtes über unsere Fress&Shopping-Tour nach Südtirol, entführen wir euch nach Sirmian in ein wirklich exzellentes Restaurant in luftiger Höhe über dem Tal der Etsch ...

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