Freitag, 6. Oktober 2017

Beim Graf in Eich

David L. ist ein treuer Leser meines Blogs und meint es gut mit mir, hat mir doch nach der Lektüre meines Birnthaler-Artikels über Facebook einen Tipp gegeben.

Ein paar Kilometer nördlich, schreibt er, hätte es statt Convenience-Knödl und Massenabfertigung für Touristen im Landgasthof Zum Eicherberg - Eich 5, 93183 Kallmünz - ehrlich gemachte klassische Sonntagsbratenküche mit garantiert handgemachten Knödln gegeben. Die Einrichtung stamme leider vom selben "Täter" wie beim Birnthaler, fügt er hinzu, aber hier machten die Gaumenfreuden das Augenleiden wett.

Wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass mir persönlich handgedrehte, hausgemachte Knödl in einer Zeit um sich greifender Verwahrlosung der Kochkunst und unprofessionellen Schlendrians in bairischen Wirtshausküchen, ein wichtiges Qualitätskritierum und Indiz für Traditionsbewußtsein sind. An einem Sonntag im August erwache ich mit Glust auf Schweinsbraten mit Knödln und entsinne mich also David L.'s Tipp ...
von Robert Bock


Sehr zu empfehlen sei der Graf in Eich auch zur Geflügelzeit, schreibt mir David außerdem, da gebe es (ehemals) freilaufende Enten vom Hof der Schwester des Wirts, und falls ich ein Freund der Schlachtschüssel sei [und ob ich das bin!], solle ich unbedingt nach den Terminen fragen. 

Die Fahrt von Regensburg durchs Tal der Naab in die Kallmünzer Gegend ist von seltenem landschaftlichem Reiz. An Kallmünz, der pitoresken Sommerfrische der Expressionisten-Elite um Wassiliy Kandinsky und Gabriele Münter vorbei, geht es wenige Kilometer weiter gen Norden, dann weißt das Navi meine charmante Begleiterin und mich an, rechts abzubiegen. Landgasthof steht auf dem Schild und Graf. Mein frühstücksdefizitärer Magen knurrt, es ist halb Zwölf ...


Vor dem Wirtshaus, dem auch eine Pension angegliedert ist, ist trotz früher Stunde nurmehr ein Parkplatz frei. Gibt es einen besseren Frühindikator für die Qualität der Küche eines bairischen Wirtshauses auf dem Lande?

Die Tische vor dem Wirtshaus sind allesamt reserviert, also hinein ... Vor uns dackelt ein Rentnerehepaar. Weder sie, noch wir haben reserviert, stellt sich heraus. Die Wirtin bittet uns, uns zu viert an den einzigen nicht reservierten Tisch zu setzen. 

Den voll besetzten Stammtisch im Rücken bewundere ich das Interieur. Das Augenleiden, das David L. angekündigt hatte, stellt sich postwendend ein. Mehr Kitsch als hier geht vermutlich nur beim Oktouberfäst in Austin, Texas - oans, zwoa, gsuffa! 

Das respektable Hirschgeweih, mir schräg gegenüber an der Wand, gibt sich keine Mühe zu verheimlichen, dass es aus Plastik ist - die Lüftlmalerei ist in den vollendet üppigen Bonbonfarben gehalten, die schon Michelangelo für die Fresken in der Sixtinischen Kapelle verwendet hat. Donald Trump, mutmaße ich, würde sich mit dem Wiesel auf seinem Kopf hier pudelwohl fühlen.

Wir bestellen ein Helles (Naabecker) und ein Jura-Weizen vom Plank aus Schwandorf und studieren die nur zwei DIN A5-Seiten umfassende Auflistung der Speisen. 

Der SchweinEbraten mit Knödl und Beilagensalat zu 7,90 EUR stamme aus dem Holzofen, der Hirschbraten aus eigener Rotwildhaltung ... Zwiebelrostbraten, Schnitzel Wiener Art ... Wir bestellen alleine um der Verifizierung des Knödelversprechens von David L. willen, zweimal - und das trotzig - SchweinSbraten.


Das Bier kommt förmlich angeflogen. Ein ordentliches, süffiges Weißbier ist das Weizen vom Plank, keine Weltklasse aber es hat Niveau ... In meinem Rücken drehen sich die Diskussionen der Stammtischrunde um die Frage wer oder was eine richtiger (Burg-)Lengenfelder sei und wer oder was nicht. Inmitten amerikanisch anmutenden Dekorationskitsches ist das eine unfreiwillig komische Diskussion. 

Meine charmante Begleiterin versteht aufgrund des Dialekts der Herren nur jedes dritte Wort, ich selbst geschätzte 80 Prozent - ich eher deshalb, weil ein jeder dem anderen - stammtischtypisch - unentwegt ins Wort fällt und mittels Lautstärke seine Argumente zu verstärken trachtet. Der Graf in Eich könnte eines dieser Biotope sein, wo ein Gerhard Polt den Stoff für seine Humoresken und Grotesken sammelt ...

Unsere Tischbekanntschaft hat weder sich, noch uns etwas zu sagen. Die alten Leute sitzen nebeneinander und starren Löcher in die Luft. Gut, dass der Beilagensalat so zügig aufgetragen wird. Es handelt sich um einen ordentlichen Beilagensalat mit gelungenem, nicht zu süßem, nicht zu saurem Dressing. Unser beider Favorit ist der hauchfein gehobelte und wunderbar durchgezogene süßliche Krautsalat auf diesem Teller. Ich persönlich vermisse einen Kartoffelsalat. Gerade in der Kartoffelpfalz schon sonderbar, dass ausgerechnet der fehlt ...

Kaum hab ich das obligatorische Beilagensalatfoto für meine foodporngeile Leserschaft geschossen, naht auch schon der Schweinsbraten. 

Die Portion ist in Ordnung, das Fleisch von guter, schmackhafter Qualität, gut durchwachsen, aber ihm fehlt leider die Kruste, die einem guten Schweinsbraten das i-Tüpfelchen aufsetzt. 

Die Soße ist kräftig, hell genug, um zuversichtlich den Einsatz von Zuckercouleur ausschließen zu können und sauber gezogen, das schmeckt man.

Der Knödel ist zweifelsohne handgemacht. Halb und Halb, würde ich vermuten. Die rohen Kartoffelbestandteile sind leider noch nicht gänzlich durch, der Knödel in seiner Konsistenz dadurch insgesamt nicht fluffig, sondern eher ein wenig pappig. Ein paar Minuten länger im siedenen Wasserbad hätten ihm vermutlich gut getan. Trotzdem: Der Wille zur Handarbeit zählt, auch wenn der das Eingehen solcher Risiken einschließt. Wären wir 10 Minuten später gekommen, vermutlich wäre der Knödel perfekt gewesen.

Der Senior mir gegenüber verspeist mit lautstarker Geräuschuntermalung seinen Hirschbraten. Wann trieb mich zuletzt die Sorge um, jemand könnte sich mit Messer und Gabel im Gesichtsbereich eigenhändig verstümmeln ...? Vielleicht ist der Herr deshalb so wortkarg, weil er sich einst versehentlich die Zunge amputiert hat, als er das Messer, statt der Gabel zum Munde führte, so wie heute ...? Der Hirschbraten, mit Knödel und Preiselbeeren auf einer Orangenscheibe serviert, sieht jedenfalls sehr klassisch aus und mutet mir optisch empfehlenswert an. Verzeiht, der Anstand verbot mir ein Foto zu schießen, ihr müßt mir das einfach glauben ...

Wir bezahlen 20,10 EUR plus Trinkgeld, sind gut satt geworden, wenngleich weder vom Braten, noch vom Knödel, noch vom Bier so begeistert wie wir das beim Goss in Deuerling waren, wissen nun aber, dass man keineswegs verhungern muss und ehrlich bekocht und flott und freundlich bedient wird, wenn man in diesem Eck der Oberpfalz einkehrt - und dass David L.'s Tipps vertauenswürdig sind.

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