Freitag, 20. Oktober 2017

Im Restaurant Miesberg in Schwarzenfeld

Am nördlichen Ende des Oberpfälzer Seenlands, wo Naab und Schwarzach sich vermählen, liegt seit mittlerweile über 1000 Jahren der Markt Schwarzenfeld. Rund um seine höchste Erhebung leben heute rund 6200 Menschen. Jener Hügel ist der Miesberg.

Auf ihm findet sich neben der Dreifaltigkeitskirche und dem Passionistenkloster ein Restaurant mit einer Küche, das man in einem kleinen Ort wie Schwarzenfeld nicht unbedingt erwarten würde.

Dort regieren seit Januar 2016 der u.a. aus der Schule des Neuburger Sternekochs Hubert Obendorfer ("Eisvogel") stammende 28 Jahre junge Markus Neudert über die Küche und seine Partnerin  Franziska Wilfahrt über den Service. Die jungen Wirtsleute erwarben damals das ehemalige Katholische Jugendheim auf dem Miesberg und traten die Nachfolge der in Schwarzenfeld geschätzen Wirtsleute Maria und Schorsch Dietl an, die an Ort und Stelle 19 Jahre lang die "Miesbergstuben" betrieben hatten.

Bairisch-schwäbische Küche ohne Firlefanz wird von Wilfahrt/Neudert im Restaurant Miesberg annonciert. Damit kann ich mich sehr gut anfreunden, jedoch liegt Schwarzenfeld zwar ein Stück abseits meines üblichen Reviers, aber die Website des Restaurants hat mein Interesse geweckt und so ergab es sich im frühen Oktober dort mittags einzukehren ...
von Robert Bock

Von außen macht das Gebäude auf mich persönlich keinen ausgesprochen einladenden Eindruck. Aus schmucklos nackten Fenstern starrt es seinen Betrachter an. Über seine Geschichte weiß ich nichts, aber trotz hellem Anstrich und - bis auf den anachronistischen Zigarettenautomaten - gepflegten Eindruckes, erinnert mich der Bau an typische "Volksheime" aus der NS-Zeit, die man im Laufe der Jahrzehnte nur notdürftig kostümiert hat.

Meine charmante Begleiterin stellt gegenüber dem Lokal erst Auto, dann Motor ab. Nicht jeder Frau gelingt das in dieser Reihenfolge ... Nanu? Kein Licht, die Tür geschlossen ... Morgen ist Tag der deutschen Einheit. Brückentag, also. Hat der Laden etwa dicht?! Wir erklimmen die Stufen zur Veranda ... Sesam, öffne dich! Glück gehabt! Zu schade, wenn die Anfahrt für die Katz gewesen wäre.

Kaum setze ich den Fuß über die Schwelle, verfliegt der zwiespältige Eindruck, den das Gebäude in mich gepflanzt hat: Piccobello, alles nagelneu und - trotz eines ausgeprägt zeitgeistigen Stils, den die Wirtsleute weit vor der Ausmusterungsbedürftigkeit des Interieurs bereuen dürften - modern, hell und in sich stimmig gestaltet.

Kein Mensch zu sehen ... Stimmen irgendwo. Rechterhand geht's in die Gaststube. Linkerhand steht die Tür zu einem riesigen Saal mit Bühne offen. 540 Gäste bringe man in Gaststube, Tagungsräume und Saal insgesamt im Lokal unter, verspricht die Website. Wie groß muss da die Küche sein ...?

Im Gastraum sind zwei Tische besetzt. Ein junges Pärchen starrt aufs Wischkästla - ein jeder auf das seine. Hinter einem halbtransparenten Textilparavent bereden zwei Männer mittleren Alters mit Lokalkolorit Geschäftliches. Keine Hintergrundmusik ...

Wir nehmen an einem Zweiertisch am Fenster Platz. Stuhl und Bank sind sehr bequem, der Tisch von schöner Größe: kein Bistrotischchen auf dem man ob Platznot Gastro-Mikkado spielen könnte: Wer zuerst sein Glas umwirft übernimmt die Zeche. Auch auf ausreichend räumlichen Abstand zu den Nachbartischen wurde geachtet. Man sitzt den Nachbarn weder auf dem Schoß, noch muss man flüstern, wenn man Privates zu bereden hat.
An den Wänden auf Leinwand gezogene alte Kinderfotos aus der ersten Hälfte des 20. Jahrunderts, falsches mediterranes Mauerwerk. Zur Jahreszeit stimmig gewählter Tischschmuck. Modisch, aber stimmig, wie gesagt - wir fühlen uns wohl.

Es dauert fünf Minuten bis man unsere Anwesenheit registriert, doch dann folgt prompt die Karte. Die Chefin selbst bedient. Freundlich, höflich und mit heimeligem Sound in der Stimme. Sie stammt aus Schwarzach, unverkennbar.
Das Speisenangebot eröffnet mit der Tageskarte. Vier herbstliche Vorschläge, zwei davon tatsächlich bairisch-schwäbischen Einschlags. Ich werde mich letztlich gegen die Medaillons vom Schäbisch-Hällischen Landschwein mit gebratenen Steinpilzen und kleinen neuen Kartoffeln und für die Waldpilze aus heimischem Wald mit frischen Bandnudeln und einem bunten Salatteller entscheiden. Dass auf der Speisekarte ausnahmsweise nicht "der Dativ dem Genitiv sein Tod" ist, sondern dem Dativ durch den Akkusativ Gewalt angetan wird, beeinflußt meine Wahl nicht.

Meine charmante Begleiterin bestellt von der, nach meinem Geschmack, mit - aus dem Gedächntis gesagt - sechs Seiten Umfang gefährlich üppig geratenen Standard-Herbstkarte den Caesar's Salad mit Pralinen aus Hühnchenfleisch mit Erdnusskruste. Weder die Schwäbischen Maultaschen noch der Zwiebelrostbraten vermögen sie, obwohl im Schwäbischen zur Welt gekommen, heute ins heimatliche Küchenmetier zu locken.

Beiden gefällt uns, dass viele Gerichte in einer kleinen oder großen Portion bestellt werden können. So läßt sich mühelos ein kleines Menü zusammenstellen oder am Mittag so schmausen, dass man nicht ins tiefe Nachmittagsverdauungsloch purzelt.

Schade trotzdem, dass es kein spezielles, moderat bepreistes Mittagsangebot gibt. Die Pause ist für viele Berufstätige knapp bemessen, das beschleunigte die Speisenwahl und verkürzte wahrscheinlich die Wartezeit aufs Essen.

Hier wird alles frisch zubereitet - was ich den Wirtsleuten hoch anrechne! -, aber das dauert eben alles seine Zeit ... Mehr als 30 Minuten sollten Mittags vom Betreten des Lokals bis zum Verlassen im Idealfalle nicht verstreichen - das ist hier nicht der Fall. Wer allerdings Zeit hat und sich diese nehmen will, dem wird's nicht weiter stören, im Gegenteil.

Wir bestellen beide einen trockenen Rheingauer Riesling aus Kiedrich: perfekt gekühlt, ein schöner Wein jedoch in einem viel zu kleinen und zu dickwandigen Weißweinglas serviert. So können sich die oppulenten Zitrus- und Pfirsichnoten dieses feinen Tröpfchens nicht in der Nase entfalten. Konstruktive Anregung: Entweder ein anständiges, voluminöseres und dünnwandigeres Weißweinglas, oder eine separate Karaffe, um die Füllmenge des Gläschens individuell einstellen zu können.

Das Essen naht! Großartig sehen beide Teller aus!

Ich beginne mit dem Caesar's Salad in der großen Portion für 9,90 Euro, der eine klar erkennbare eigene Handschrift offenbart.

Lollo Rosso und Bianco, Radicchio, Tomaten sowie Mungbohnensprossen wirken ebenso eigenständig wie die hinreissenden Hühnchenpralinen im knusprigen Erdnussmantel. Saftig sind sie innen, würzig und chrunchy außen - wer Chicken Nuggets mag kann hier den Mercedes unter den Nuggets kosten. In einem separaten Kännchen wird zusätzliches Dressing gereicht. Der verwendete Essig ist meiner charmanten Begleiterin eindeutig zu bissig. Eine Prise Zucker mehr (oder eine charmantere Essig-Varietät) hätte ihm womöglich die Zähne gezogen. Knusprige Chiabatta-Chips vervollständigen diesen insgesamt gelungenen Salat, der in der großen Variante problemlos sättigt.

Meine Bandnudeln mit heimischen Waldpilzen werden auf einem ovalen, pistazienfarbenen Teller serviert und von einem Berg frittierter Zwiebeln gekrönt. Optisch mutet das spontan nach einem Zwiebelrostbraten an.

Die Nudeln sind zwar recht schmal geraten für meine Vorstellung von Bandnudeln, eher Tagliatelline als Tagliatelle oder Bavette, aber wunderbar gelb (ob alleine Eidotter geschuldet oder einer Gelbwurz-Unterstützung sei dahingestellt) und auf den Punkt perfekt gegart.

Von Eiernudeln verstehen Schwaben etwas. Markus Neudert, gebürtig in Ellwangen an der Jagst und aufgewachsen in Münsingen auf der Schwäbischen Alb, hat's quasi in den Genen. Die Pilze sind aromatisch, der Sugo cremig, die aufgeschäumte Sahnesoße trägt nicht bloß zur Optik dieses schönen Pasta-Gerichtes für 10,90 Euro bei. Die Zwiebelkrone spielt eine kommunikative Rolle: Glaubwürdig weist sie darauf hin, dass man sich im Restaurant Miesberg in schwäbischen, nicht in welschen Küchengefilden aufhält.

Der Beilagensalat ist ausgezeichnet und besteht ausnahmslos aus frisch zubereiteten Bestandteilen.
Obenauf sorgt gepopptes Getreide für extravaganten Crunch. Karotten-, Kartoffel- und Rettichsalat sind hervorragend - zu bemängeln habe ich allenfalls, dass die Blattsalatkomponenten nur flüchtig zerkleinert wurden und man deswegen tunlichts aufpassen sollte, sich nicht ausgerechnet in der Mittagspause Hemd und Krawatte mit Dressing zu besudeln. Ich würde dieses Gericht in summa aber jederzeit wieder bestellen.

Fazit: Für eine Zeche unter 30 Euro haben wir, in angenehmem Ambiente und freundlich bedient, gut gegessen und einen schönen offenen Rheingauer genossen. Lohnt sich die Anfahrt von Regensburg nach Schwarzenfeld einer Einkehr im Restaurant Miesberg wegen? Kurz & bündig: Ja!

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