Montag, 14. September 2015

Sonntagmittag im Landgasthof Lautenschlager in Karlstein

copyright 2015 Robert Bock
Madame ist sauer: Ihr hellblaues Kaschmirjäckchen hat Rußflecken abbekommen und sie hat es leider erst bemerkt, als wir längst auf der Heimfahrt von Karlstein nach Regensburg sind.

Warum, in Gottes Namen, fragen sich möglicherweise nicht nur unbedarft denkende Menschen wie wir, wirft ein Gastwirt - womöglich erstmals in dieser Saison - seine Heizung an einem Sonntag im August an, an dem draußen die Sonne auf 26 Grad im Schatten heizt und die Terrasse vollbesetzt mit Gästen ist, so dass es zeitweise ziemlich penetrant nach rußendem Ofen stinkt und Rußpartikel den Gast berieseln wie kohlrabenschwarzer Pulverschnee?

Dumm gelaufen für den Gasthof könnte man sagen, dass ausgerechnet Madame und ich heute dem Landgasthof Lautenschlager in der Schloßparkstraße 3 in Karlstein/Regenstauf unseren Premierenbesuch abstatten und ein an sich recht angenehmes Mittagessen dort von derlei unerfreulichen Begleiterscheinungen beeinträchtigt wird ...
von Robert Bock

copyright 2015 Robert Bock
Seit 1897 gibt es das Wirtshaus mit Pension und Metzgerei bereits - das Gebäude ist sicherlich jüngeren Datums. Wir tippen auf die 1960er oder 70er Jahre. Von außen her wirkt das Lokal nicht einladend. Nimmt man den Haupteingang, fällt vor allem der anachronistische Zigarettenautomat und ein sehr schlichter Schaukasten mit der Speisekarte ins Auge, den man unseres Erachtens in dieser lieblosen Aufmachung besser ganz wegließe.

Wo findet sich am Gebäude beispielsweise das modern gestaltete Logo von Website und Speisekarte? Wo ein ansehnlicher, einladender Schriftzug über dem Eingangstür? Nein: so präsentiert sich von außen kein Landgasthof mit Anspruch auf zeitgemäß interpretierte bayerische Wirtshaustradition (Zitat von der Homepage des Hauses: "Lassen Sie sich verwöhnen und genießen Sie bei uns die traditionelle, gutbürgerliche Küche, sowie b'sondere saisonale Menüs in typisch bayrischer Gemütlichkeit!"), so präsentieren sich von der Straße her für gewöhnlich Bierkneipen, in denen sich die rotnasigen Bierdimpfl des Ortes beim Schafkopfen gegenseitig die Welt erklären und früher der Tabaksqualm zum Schneiden dick in der Wirtsstubn stand wie im Gäuboden der Novembernebel über den abgeernteten Zuckerrübenfeldern.

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Ansonsten deutet nur eine zweckmäßige wie hässliche T&T-Leuchtreklame vom Typ "Allerweltsmodell" mit dem Namen der Wirtschaft darauf hin, dass man hier als Gast möglicherweise Willkommen sei. Pension, Metzgerei und Dorfladen - ins Gesamt integriert - sind offensichtlich so bekannt, dass es keinerlei Hinweise auf der Gebäudefront  bedarf. Ich lasse mich gerne belehren, falls ich etwas übersehen haben sollte ...

Einen Biergarten gibt es nicht, jedoch eine sonnenbeschirmte Terrasse mit Blick auf die parkenden Autos der Gäste und die ländliche Idylle der östlichen Hügelzüge entlang des Regentales.

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Uns fällt positiv auf, dass großer Wert auf Sauberkeit gelegt wird im Landgasthof Lautenschlager. Stühle und Tische sind sauber  - bevor die Heizung aus dem Schornstein heraus - zu schmutzen anfing, die Tageskarte optisch adrett gestaltet und drinnen in den Stuben die noch freien Tische schlicht aber gediegen  eingedeckt.

Bevor wir zahlen werde ich der Herrentoilette einen Pflichtbesuch abstatten. Diese zeigt sich so gepflegt und sauber, wie man es sich von der Visitenkarte eines Lokals nur wünschen kann und wurde offensichtlich in jüngerer Zeit runderneuert. Ein Vorhaben, das man den beiden Gaststuben und ihrem in die Jahre gekommenen Mobiliar ebenfalls wünschen möchte. Aber wenn der Laden auch so läuft ...? Never Change a Running System, sagen IT-Experten. Dumm nur, wenn das Geschäft irgendwann anfängt, nicht mehr so zu laufen, wie gewohnt und man zu spät erkennt, dass man vor der Zeit hätte Geld in die Hand nehmen müssen ... Wenn nicht jetzt, fragen wir uns, wann dann ...?

copyright 2015 Robert Bock

Wir haben Glück, dass wir ohne Reservierung um Halbzwölf noch einen Tisch bekommen. Die Bedienung - dem Foto auf der Website nach wahrscheinlich die Wirtin selbst - bedient uns freundlich, höflich und jederzeit zuvorkommend: vorbildlich.

Es ist zwar Mittag, aber Madame steht der Sinn - im Gegensatz zu mir - weniger nach einem Sonntagsbraten, sondern nach einer Brotzeit. Kein Problem, die Brotzeitkarte liegt eine Minute später in doppelter Ausführung auf dem Tisch.

Ist schon die  übersichtliche Tageskarte mit ihren typisch bayerischen Sonntagsgerichten, zuzüglich einiger frischer moderner Einsprengseln, schön zu lesen, nötigt uns die Brotzeitkarte Respekt ab: Nicht nur die Klassiker sondern gar Klassikklassiker finden sich darauf. Beispielsweise eine Knöcherlsulz für 3,80 EUR. Man merkt sofort beim Lesen: Hier speist man in einem Metzgerei-Gasthof auf dem Land.

Eine Wohltat ferner, die ich mit Behagen zur Kenntnis nehme: Keine "Putenstreifen" auf irgendwelchen Salaten, nirgendwo überhaupt dieses nordamerikanische Geflügel. Hier gibt es auf dem Bunt gemischten Blattsalaten entweder gebratenes Zanderfilet (10,40 EUR) oder Pilze (6,90 EUR).

copyright 2015 Robert Bock
Madame meidet Bier und ich meide bestimmte Marken. Deswegen bestellen wir beide je ein Viertel Wein. Madame - was sonst? - einen trockenen Riesling aus dem Rheingau, Weingut Peterhof, Rüdesheimer Burgweg  (5,20 EUR), ich einen 2014er Silvaner vom Volkacher Kirchberg, Winzergemeinschaft Kitzingen eG (4,30 EUR). Beide Weine sind richtig temperiert, mein Franke in einem 0,25er-Bocksbeutelchen: Eine gute Lösung für Gastronomie mit wenig Weindurchsatz, denn so ist optimale Qualität des Tröpfchens garantiert. Auf diese muß Madame leider verzichten. So wenig lebendig für einen Rheingauer ihr Riesling sich auf der Zunge gibt, wurde die Flasche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht taggleich dekantiert. In dieser Verfassung sind 5,20 EUR unseres Erachtens zu teuer.

Unser Tipp an andere Gäste: Frankenwein im Mini-Bocksbeutel bestellen, wenn es Weißwein sein soll - an die Wirtsleute: Über Bag-in-the-Box- Weißweine nachdenken, denn diese halten ihre Qualität weit länger, als Flaschenweine, die, sobald sie einmal entkorkt oder aufgeschraubt sind, schnell ihren Charme verlieren.

Mein Silvaner  macht mir wider Erwarten richtig Spaß: Gelber Apfel, ausgeprägte Frucht und kernige Säure. Ein sortentypischer Silvaner, den man meint kauen zu können. Madame meint in meinem Glas Erdnussaromen zu riechen. Ich rätsle, wie sie zu diesem Eindruck wohl gekommen sein könnte ... Für einen Genossenschaftswein ist dieser Wein überraschend gut gelungen! Die Weingläser sind nichts Halbes und nichts Ganzes: Bitte dringend durch ordentliche moderne Weißweingläser ersetzen. Wer angemessene Preise für ordentliche Weine ansetzt, sollte dem Gast auch Gläser auf den Tisch stellen, die die Stärken seiner Tröpfchen zur Geltung bringen können. In Spiegelau und Zwiesel beispielsweise finden sich regional produzierte Top-Gläser zu fairen Preisen.

Wir bestellen zum Wein noch eine große Flasche stilles Wasser dazu (3,60 EUR), geliefert wird eine Flasche spritzigen Wassers, was uns erst auffiel, als wir davon kosteten. Wir denken: irgendwas ist immer ... Dass die Wirtin unaufgefordert und ohne Hinweis unsererseits (!) 10 Minuten später eine Flasche Naturell an den Tisch bringt und den Irrtum entschuldigt, rechnen wir dem Service als Pluspunkt an. Wir verzichteten aber auf die nette Geste und bleiben beim munter sprudelnden Kondrauer, auch weil Madame mittlerweile die Kohlensäure durch heftiges Schütteln weitgehend eliminiert hat.

Ich entscheide mich für den Gemischten Braten mit Reiberknödel und Beilagensalat von der Tageskarte (8,30 EUR). Der kommt in einer durchschnittlich großen Portion recht trockenen Schweinsbratens (auf der Karte unentschuldbar für ein bayerisches Wirtshaus als SchweinEbraten ausgelobt ...) und einer Scheibe marginal saftigeren Rindfleisches vom Sauerbraten. Sauerbratenaromatik und ungebundene Schweinsbratensauce mit Kümmel passt nach meinen Geschmacksvorlieben wie Knoblauch zur Milchschokolade: Gar nicht. Insbesondere das Sauerbratenfleisch schien von der Optik her schon vor geraumer Zeit vor dem Servieren in Tranchen geschnitten worden zu sein. Das darf man als Gast in einem bayerischen Landgasthof mit mehr als durchschnittlichem Anspruch anders erwarten.

Der Reiberknödel überrascht mich nicht positiv; er tut, was ich von ihm erwartet habe: Schmecken. Unauffällig. Ein Kartoffelknödel halt. Wer mit fränkischen Klößen sozialisiert wurde, versteht nicht, warum Oberpfälzer Wirte nicht gelegentlich ein Praktikum bei den benachbarten Volksstämmen machen, um hierzulande Alleinstellungsmerkmale in Bezug auch diese "Sättigungsbeilagen" zu schaffen. Dekoration: Fehlanzeige: Wenigstens ein paar Schnittlauchröllchen oder gehackter Petersilie hätte meinen Teller optisch etwas aufgewertet. So aber Reduktionismus mit Tendenz zur Lieblosigkeit. Wäre mein Beilagensalat nicht so vielfältig, frisch und Komponente für Komponente lecker, wäre ich jetzt enttäuscht von meiner Wahl - aber so reicht es auf meiner persönlichen Zufriedenheitsskala noch zu einer mittleren Einstufung mit Tendenz zum Positiven. Wiederkommen, des gemischten Bratens wegen?, frage ich mich: Nein - ich nicht.

Ich schiele mit einem Auge zum Nachbartisch hinüber: Schnitzel Wiener Art mit Pommes? Beide Komponenten sehen aus, als wären sie einem gemeinsamen Fritteusebad entstiegen - Nein, in dieser optisch lieblosen Interpretation dieses Klassikers nichts für mich! Was speist die Dame nebenan?  Hausgemachte Käsespätzle mit Röstzwiebeln und Salat - das vegetarische Gericht des Tages. Sieht ansprechend aus, riecht gut vom Nebentisch herüber: Als Beilage zu einer Portion Pressack, wäre das tatsächlich eine vollständige Mahlzeit gewesen.

copyright 2015 Robert Bock

Madame wählt das Brotzeitbrettl mit einer (!) Scheibe Schwarzbrot (5,30 EUR) und eine Portion Kartoffelsalat extra (3,20 EUR). Bratkartoffeln standen laut Service heute leider außerhalb der Möglichkeiten der Küche.

Das Brotzeitbrettl war hart im Biss, trockenfasrig im Mund und ohne eine anständige Säge  nicht in mundgerechte Stücke zu verwandeln ... Spaß beiseite: Der Holzteller war belegt mit einer recht dünn geratenen Scheibe Leberkäs, zwei Scheiben Geselchtem, einer Scheibe weißem Pressack, einem Stück Blutwurst, das man vielleicht auch als roten Pressack interpretieren könnte, einem Stück Leberwurst Essiggurkenfächer und Deko. Deko hier und Deko auch auf dem Kartoffelsalat - warum nicht auf meinem Bratenteller?

Leberkäs und Geselchtes waren Durchschnitt; das Salz das im Geselchtem zu viel war, fehlte dem Leberkäs. Pressack, Blutwurst und Leberwurst waren für eine Metzgerei in der Oberpfalz erstaunlich schmackhaft und so gewürzt, dass sie nach etwas schmeckten. Zur Metzgerei Lautenschlager, folgern wir, lohnt sich ein Abstecher zum Wursteinkauf bei Gelegenheit. Der Kartoffelsalat: sehr sämig und durchaus gelungen - eine Prise zusätzlichen Salzes und ein weiterer Schuß Essig hätte unserem Geschmack nach aber nicht geschadet.

Die Wartezeit auf den Hautgang fällt enttäuschend lang aus: Beinahe 40 Minuten sind unserer Meinung nach indiskutabel, zumal das Lokal noch lange nicht voll besetzt war. Das geht flotter und das muß unseres Erachtens auch zwingend flotter machbar sein, sonst ist das eine Vorlage an jeden Gast, künftig anderswo einzukehren.

copyright 2015 Robert Bock
Auf der Tageskarte sticht uns eines der Desserts ins Auge: das Zweierlei: Mousse au Chocolat und Zitronengras-Panna Cotta für (4,90 EUR). Eine Portion für zwei? Kein Problem - das Dessert kommt- und dieser Gang flugs! - mit zwei Dessertlöffeln und ein paar frischen Früchtchen ausgarniert.

Madame fand die Mousse au Chocolat leckerer, ich die Zitronengras-Panna Cotta, wobei mich der Verdacht beschlich, dass weniger mit Zitronengras und mehr mit grünem Kardamom gearbeitet wurde, vielleicht gar mit beidem? Ich werde mich wahrscheinlich täuschen. Entscheidend ist: ziemlich lecker, das Dessert - ohne aber den Mehrhabenwillreflex zu stimulieren.

Madame und ich sind uns unter dem Strich einig: Ein pragmatisch und unspektakulär angerichtetes Dessert, das auf einer Skala von 1 bis 10 von uns den Wert 6 erhalten würde. Ein weiteres Mal bestellen würden wir es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Lieber das Mittagessen so timen, dass wir um Schlag 14 Uhr eineinhalb Kilometer hangabwärts zur Eröffnung bei Isolde Becklers Kaffee Herzerl in Ramspau eintrudeln: ihre Torten und Kuchen schlagen nördlich der Donau im Landkreis unseres Erachtens alles, was als Dessert herhalten kann. Es sei denn, wir unterhielten uns über Eiscreme: das Eis von Il Buon Gelato in Regenstauf ist nach wie vor die Referenz der Gegend.

Licht und Schatten halten sich in unserer persönlichen Gesamtbewertung unseres Besuches im Landgasthof Lautenschlager unterm Strich die Waage. Uns juckt, gelegentlich die Knöcherlsulz und die Schlachtschüssel auszuprobieren, die es jeden Mittwoch gibt. Schau mer mal ... Falls ja, dann in abwaschbarer Sauwetterkleidung, falls die Heizung wieder mal ausgerechnet dann rußt und stinkt, wenn der Gästeandrang auf der Terrasse am Größten ist ...

Kommentare:

  1. wieder eine schön zu lesende und sehr informative Kritik. Sehr ausführlich, differnziert und deshalb hilfreich für den, der einmal abseits seiner Stammlokale Essen gehen will und nicht "Lottospielen" will.
    Vielen Dank dafür. Und weiter so.

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  2. Wir waren heute zum Martini Ganz essen im Landgasthof Lautenschager . Hatten
    Extra Ganz und Ente vorab bestellt. 3 X Ganz 1 mal Ente.Die 1/4 Ente war gut
    doch mussten wir 3 anderen Gäste mit einer halben Ente zu dritt teilen. Der erste Gast
    bekam den Schenkel mit einem Teil vom Körper. Der 2. Gast einen 5 cm langen Teil der Brust und nackte Knochen der 3 Gast den Flügel mit nacktem Knochen . Auf meine Beschwerde wurde uns gesagt das das normal ist. Es gibt ja außer Rotkohl auch noch Salat dazu . Dadurch wäre der Preis von 14,50€ gerechtfertigt. Doch den Salat hatte man vergessen. Das Essen war Grotten schlecht und die Entschuldigung
    Noch schlechter.
    Wir wollten nur einen schönen St. Martin feiern was uns leider sehr verdorben wurde.
    Jeder hat probiert die Lage zu schlichten nur derCheff der es hätte machen müssen hat sich gedrückt.
    Nie mehr Landgasthof Lautenschläger!

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