Freitag, 8. Juli 2016

Im Prösslbräu in Adlersberg

Der heilige Franz von Assisi soll ein großer Freund der Tiere gewesen sein.

Vermutlich hätte er die äußeren, ledrigen Blätter eines Salatkopfes den Schnecken überlassen - im Prösslbräu auf dem Adlersberg, nordwestlich unweit Regensburgs gelegen, wirft man sie auch nicht weg, hier serviert man sie dem Gast als Bestandteil des Beilagensalates.

Es mag unkonventionell anmuten, eine Restaurantkritik ausgerechnet mit dem Beilagensalat aufs Gleis zu setzen, aber dieser spezielle Beilagensalat bietet sich als schwer zu unterbietender kulinarischer Tiefpunkt unseres Besuches deswegen an, weil es anschließend nur noch aufwärts gehen konnte.

So verbleibt dem Leser zumindest der Eindruck einer gewissen Steigerung des im Geiste nachempfundenen Genusses beim Lesen einer Kritik - und damit soll auch dem Wirtshaus gedient sein, denn so niederschmetternd wie der heute servierte Beilagensalat ist die Qualität der Speisen - und schon gar nicht der Biere! - im Prösslbräu im Schnitt beileibe nicht.
von Robert Bock

Der amerikanische Schrifsteller Mark Twain stellte einst zum Thema Sommer fest, jener sei die Zeit, in der es zu heiß sei, um das zu tun, wofür es im Winter zu kalt sei.

Der Sommer 2016 zeigt sich Ende Juni in dieser Hinsicht ausnahmsweise von seiner freundlichen Seite und das Wetter sieht beim Aufbruch zum Adlersberg mit heiterem Wetter bei 22 Grad halbwegs biergartentauglich aus. Ein kurzer Schauer suchte uns trotzdem heim - aber da muss man als Biergartenbesucher durch. Wir sind ja schließlich nicht aus Zucker, oder?

Das hauseigene, hervorragende Bier gibt's an diesem Sonntag nur in Selbstbedienung.

Während Madame sich einen gemischten Braten (Schwein, Kalb) mit Bratkartoffeln (statt Reiberknödel) und Beilagensalat (9,90 EUR) und mir eine Viertel Mastente mit Reiberknödel, Blaukraut und Beilagensalat (10,90 EUR) bestellt, hole ich uns zwei Zwickl-Radler (je 3 EUR).

Ich liebäugle zwar mit dem hauseigenen würzig-süßen legendären Starkbier namens "Palmator", verzichte aber eingedenk der mich ansonsten niederstreckenden Müdigkeit zur Mitte des Tages. Es ist Fussball-EM, da ist ab dem Nachmittag der ganze Mann vor der Glotze gefordert ...

Auf den Krügen krallt sich ein finster dreinblickender Adler in den Farben der Reichskriegsflagge besitzergreifend einen Keferloher mit Zinndeckel. Ob das Logo von 1838 stammt oder von 1933-45, als Schwarz-Weiß-Rot auf Schxxxebraun eine unseelige Renaissance als Lieblingsfarben der Nation erfuhren? Wo ist eigentlich der vergleichbar finster in die nördlichen Gaue blickende Adler von der Nibelungen-Brücke abgeblieben, die vormals nach dem selbsternannten "Gröfaz" benannt war? Man möchte den Prössls eine Rundumrenovierung ihres Corporate Design anraten, um endlich diesen alten Mief abzustreifen, aber das ist heute nicht das Thema ...

Im Gegensatz zu früheren Besuchen im Prösslbräu ist heute der Service von der flotten und freundlichen Sorte. Kaum stelle ich das Bier auf den Tisch, bringt unsere Bedienung schon den Beilagensalat ...

Ich habe in bairischen Wirtshäusern der Region schon häufig ausgezeichneten Beilagensalat gegessen: Im Schwarzen Adler in Pfakofen ist er Weltklasse, im Gasthof Hummel in Wischenhofen nur um Haaresbreite dahinter - auf dem Adlersberg serviert man heute den Konterpart im negativen Sinn.

Die ledrigen dunklen Hüllblätter eines Salatkopfes, wandern besser auf den Kompost und man nehme bevorzugt die zarten inneren Partien. So groß ist der Deckungsbeitragsverlust nicht, um sich genötigt zu sehen, einen Gast kulinarisch zu beleidigen.

Der Karottensalat, zu feinen Julienne gehobelt, schmeckt nach nichts. Haben's die Holländer mittlerweile tatsächlich geschafft, auch ihre Karotten nach ihren Tomaten schmecken zu lassen? Ich bin ein wenig irritiert ...

Madame verzieht das Gesicht, ich frage sie, was los sei? Ob ich das Dressing des Krautsalats schon probiert habe, fragt sie, und nachdem ich davon gekostet habe, bin ich im Bilde: Ich verwende ungern derartige Vokabeln, aber ich will mich um den Ausdruck bemühen, der mein subjektives Geschmacksempfinden adäquat abbildet. Das Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) schlägt als Synonymgruppe zum Begriff widerwärtig leider nur folgendes vor: "Brechreiz auslösend,  Ekel erregend, abscheulich, abstoßend, degoutant (gehoben), ekelhaft, ekelig, eklig, widerlich". Ich belasse es daher bei widerwärtig - oder klänge degoutant weniger verfänglich, weil sich kaum jemand einer derart gehobenen Ausdrucksweise befleissigt ...?

Geruch, Geschmack, Konsistenz und Aussehen lassen keine andere Vermutung zu, als dass es sich um eine industrielle Convenience-Dressing-Plörre handelt. Mich schüttelt und ich verzichte auf eine dritte Gabel davon. Das lieblos draufgeworfene Tomatenviertel und die beiden mit einem Buntmesser dressierten Gurkenscheiben reissen nicht im mindesten heraus, was der Rest auf diesem Salatteller dem Gast zumutet. So nicht, werte Familie Prössl, so ganz und gar nicht! Wenn Beilagensalat, dann bitte mit der wichtigsten, allentscheidenden Zutat guter Küche: Liebe!

Die Liebe, die dem Salat fehlte, entbehrte meine Ente samt der wunderbar würzigen, ungebundenen Sauce gottlob nicht.

Wenngleich sie gerne 10 Minuten länger im Rohr hätte verbleiben dürfen, denn das Fleisch löste sich noch nicht so perfekt vom Knochen, wie man das von einer zu 100% gelungenen Ente erwarten darf.

Erstaunlich für mich, wieviel Fleisch an so einer Viertel-Mastente dran sein kann. Was muss das in vivo für ein Apparat von Vogel gewesen sein?

Die Haut ist rösch und hervorragend gewürzt, die Sauce kräftig und reichlich, der Reiberknödel ein Reiberknödel ... Handgedreht und hausgemacht? Ich hege Zweifel, erbitte Madames Meinung: Schulterzucken. In dubio pro reo ... Schnittlauchröllchen obenauf! Wenigstens hier ein Überschuß an Liebe in der Zubereitung.

Das Blaukraut ist Violett mit einem auffällig hellen Stich und schmeckt verdächtig nach Zitronensäure. Ware aus dem Glas - mein erster Verdacht, zumal im Juli keine Rotkohl-Saison ist. Weshalb dann aber ausgerechnet Blaukraut? Weil sich das halt so gehört? Weil wir das schon immer so machen? Weil sich bisher noch nie ein Gast beschwert hat, dass wir 180 Grad abseits der Saison dem Gast eine Beilagenpersiflage anbieten, wo ringsum im nahen Winzer die Gemüsefelder in praller Pracht mit frischen Alternativen der Saison stehen ...?

Madames Gemischter Braten von der Tageskarte, sagt sie, war gut, die Sauce gschmackig, das Fleisch saftig und kein Stück trocken - gut gemacht, sagt sie - und mehr gibt's ihrerseits dazu nicht zu sagen.

Die Bratkartoffeln waren ihrer Meinung nach Mittelmaß, denn sie schmeckten nicht nach Butter. First-Class-Bratkartoffeln bedürfen entweder ausgelassenen Specks, Schweinschmalzes und/oder Butterschmalzes und als Tüpfelchen auf dem i einen Stich Butter zum Finish. Hier vermutlich ein Pflanzenöl und, wie wir die Denkart der Küche einschätzen, kein allzu teures ...

Ein zufriedener Gast ist noch lange kein begeisterter Gast. Und Gäste wie wir kommen nur wieder, wenn man versteht uns zu begeistern und Alleinstellungsmerkmale zu vermitteln. Eine schöne Lage mit toller Aussicht vor den Toren der Stadt reicht keinesfalls aus.

Angesichts des allgemeinen kulinarischen Trauerspiels in dem Gros der Regensburger Biergärten, mag das heute Gebotene wohl reichen, um seinen Garten gut gefüllt zu sehen. Den Wirtsleuten sei das gegönnt, aber es ist schade, dass es ihnen so leicht gemacht wird, sich vor beständigem Streben nach Qualitätsverbesserung zu drücken.

Gerade Selbstzufriedenheit ist gefährlich, denn es verleitet zu behäbiger Veränderungsaversion. Die Karte scheint uns seit Jahr und Tag die Gleiche, ist überfrachtet und das riecht nach Convenience und Mikrowelle - hat denn kaum einer mal den Mut, dem Gast eine gute handvoll saisonaler klassisch-bairisch/oberpfälzer warmer Gerichte plus variierender Brotzeitkarte zuzumuten? Mehr Mut zur Schlichheit! Nicht jedem Veganer oder Touristen von der falschen Seite des Weißwurschtäquators muss man's zwingend Recht machen. Die "Alte Schule" in Wolfskofen und der Huf in Tremmelhausen könnens doch auch, oder? Gut, den gebackenen Kälberfuß auf der Karte will ich nicht unterschlagen - das ist schon etwas besonderes und findet man nicht überall. Aber den muss man wirklich mögen ... Ich persönlich hab ihn vergangenes Jahr hier bestellt und brauch Kälberfuß kein zweites Mal.

In (Ober-)Franken hätte der Prösslbräu vermutlich hart zu kämpfen - nicht seines Bieres wegen, in dieser Disziplin können es die Prössls durchaus mit vielen Familienbrauereien Oberfrankens aufnehmen. Der überwiegende Rest der örtlichen Biergartenkonkurrenz aber wäre, was die Küchenleistung angeht - wenn unser persönlicher Geschmack von Relevanz wäre, was er aber nur für uns beide ist - in Oberfranken längst vor dem Aus.

Hervorragende, ehrliche bairische Küche lebt von erstklassigen Zutaten ohne Convenience-Helferlein, von der Liebe zum Detail und einer Beschränkung auf das Wesentliche in der Speisenauswahl: Lieber wenig - das aber herausragend gut! Aber das Pferd springt bekanntlich nicht höher, als es muss. Das scheint uns, was die Küchenleistung angeht, im Prösslbräu das Motto zu sein, weil es große Teile der Konkurrenz nicht schafft selbst dieses "befriedigende" Niveau zu toppen. Das finden wir ausgesprochen schade.


Schulnoten:
Madame 3+
Ich: 3.



Kommentare:

  1. ...der gesunde Teil des Salates ist GRÜN.

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    1. Noch gesünder ist der Teil in der Erde - deswegen schmeckt er mir trotzdem nicht.

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