Samstag, 12. Januar 2019

Drei Tage Stempferhof in Gößweinstein

Seit ich in jungen Jahren einen Citroen mein Eigen nannte, bin ich ADAC-Mitglied. Mich wundert bis heute, weshalb der Automobilclub mich nicht wieder hinauswarf, so oft wie mein mistiger Franzose und ich die Dienste der Gelben Engel damals in Anspruch nahm ...

Seither fische ich allmonatlich die Motorwelt - die Mitgliederzeitschrift - aus dem Briefkasten. Unterhaltsame Klolektüre für den Zyniker in mir.

Neben überschaubar nutzenstiftendem Inhalt schürt der ADAC mit diesem Medium sehr kreativ Ängste: Vor Autopannen im niederbayerischen Endmoränenhügelland, Auffahrunfällen in Usbekistan, endlosen Streitigkeiten vor Gericht mit Unfallgegnern in Süditalien und auf württembergischen Autobahnraststätten gestohlenem Reisegepäck, um den Absatz seiner Versicherungen zu steigern. Und Werbung. Viel Werbung. Treppenlifte, Schuhe, die ihren Träger 10 cm größer erscheinen lassen, Echthaarverpflanzung vom Sack aufs Haupt ... und Reisen, Reisen, Reisen. 
von Robert Bock

Im Dezember wars, da stach mir eine ganzseitige Anzeige eines Reiseportals ins Auge. Kurztrips mit allerlei Wellnessangebot und umfassender Verpflegung mit Eigenanreise im PKW in appetitlich fotografierten Hotels in zumeist ländlichen Regionen; teils derart ländlich, dass man hofft, dass die Erde, entgegen dem Stand der Wissenschaft, nicht doch eine Scheibe ist.

Mal sehen, ob ich auf der Website dieses Portals etwas für die Zeit um den Jahreswechsel herum finde: Seele baumeln lassen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, schlafen, schlemmen, "wellnessen", ihr wisst schon ...

Mir sticht ein Reisegebot ins Auge: Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz ... Meine Eltern haben einst in der prächtigen Gößweinsteiner Basilika, eines der Meisterwerke von Balthasar Neumann, geheiratet. Meine Familie wurzelt in oberfränkischen Boden, im nahen Pegnitz kam ich zur Welt und verbrachte dort als Kind viele schöne Ferien bei meinen Großeltern.

Ein Gößweinsteiner Hotel lockt mit 4 Sternen, einer Saunalandschaft, modernen Zimmern, Halbpension "Plus" (d.h. Frühstücksbuffet,  Kuchenbuffet am Nachmittag und 3-Gänge Abendmenü), Begrüßungssekt, kostenlosem Parkplatz und WLAN und Eintrittsermäßigung für die Therme Obernsees. Das alles zum Paketpreis ...

Mein Bauch sagt Ja! Nicht lang rummachen, buchen! Gesagt getan und fortan Vorfreuen auf 3 Tage in der alten Heimat im 4-Sterne Ringhotel Stempferhof ...

Die Gegend gilt in Meteorologenkreisen als Kälteloch. Am Tag der Anreise ist es frostig. Graupelschauer und strahlend blauer Himmel wechseln einander ab.

Kann meine Laune nicht trüben. Gegen 15 Uhr checke ich ein. Das Hotel macht von außen und innen einen sehr gediegenen, modernen Eindruck, das Personal ist ausgesucht freundlich.

Mein Zimmer - eines der Kategorie "Standard" - ist nicht groß aber tiptop, im sehr bequemen Bett werde ich, soviel vorweg, ausgezeichnet schlafen und der TV-Bildschirm mutet von der Größe her nach Heimkino an.

Die Saunalandschaft des Stempferhofs verfügt über finnische Sauna, ein Lapidarium und ein Dampfbad. Heut nicht, heut Kuchenbuffet. Das werde ich mir morgen sparen, denn die Kuchen sind nicht hausgemacht, sondern von der aufgetauten Sorte. Kaffee/Tee geht extra; ausgezeichnete Qualität und schönes Geschirr, aber für lokale Verhältnisse ambitioniert bepreist.

Ein Spaziergang in den Ort. Die schöne Kirche wieder mal besichtigen. Ich setze mich in eine Bank und lasse die Stille im Schiff auf mich wirken.

So spät am Tag ist wenig los hier. Tagsüber, zumal in der warmen Jahreszeit, wenn die Bustouristen durch Gößweinstein strolchen und beim Besichtigen der Kirche jede Kinderstube vermissen lassen, entfaltet das der Heiligen Dreifaltigkeit geweihte Gotteshaus  - 1948 von Papst Pius XII. zur päpstlichen Basilika minor erhoben - mit angeschlossenem Franziskanerkloster seinen Charme nur widerborstig.

Eine wunderschöne Kirche: prächtigstes Hochbarock. Ein Meisterwerk, das kein Liebhaber kunstgeschichtlicher Zeugnisse sich entgehen lassen sollte.

Abendessen wird von 17:30 bis 22 Uhr serviert. Schön, dass ich nicht an allzu enge Zeitfenster gebunden bin.  

Egal, was kommen mag, ich will heut keinen Wein, sondern Bier. Nirgendwo ist die Brauereidichte so hoch wie in Oberfranken und speziell in der Fränkischen Schweiz. Hier serviert man Nikl-Bier aus Pretzfeld. Feiner Stoff, würzig, malzig, hopfig.

Das, trotz seiner Jugend, sehr aufmerksam und professionell agierende Serviepersonal schickt einen Gruß aus der Küche: Brot, Butter und ein Schälchen Rindfleischsalat.

Der Salat erinnert mich an Convenience-Produkte meiner Kindheit (Teufelssalat von Homann?) aber in einer sehr schmackhaften Deluxe-Version. Das Fleisch ist zart, die Sauce aromatisch dicht. Ein netter Anachronismus!

Zur Vorspeise habe ich mich nicht für den Bunten Salat, sondern für Tafelspitz mit Meerrettichschaum und Preiselbeeren entschieden.

An den Rändern ist der ansonsten tadelose Tafelspitz etwas trocken und ein paar Späne frisch über das Gesamt gehobelten Meerrettichs hätten für meinen Geschmack nicht geschadet, aber ansonsten ist diese Vorspeise, zwar ohne Wow-Effekt, durchaus akzeptabel.

Im Hauptgang hat der Gast die Wahl zwischen je einem Fleisch-, Fisch- und vegetarischem Gericht.

Ich entscheide mich für Rehmedaillons auf Süßkartoffelstampf mit gebratenem Rosenkohl.

Dieses Gericht gereicht der Küche des Stempferhofes zur Ehre.

Nach meinem Dafürhalten nahe an der Perfektion in der Kategorie "modern interpretierte gut-bürgerliche Küche" mit regionalen Produkten - im Fall des Stempferhofes zu einem großen Teil von einem nachhaltig wirtschaftendem nahe gelegenem Bauernhof, der zum Unternehmen zählt, das wiederum seit den 1930er Jahren der Johannischen Kirche gehört, einer protestantischen Freikirche aus Berlin.

Die Rehmedaillons sind perfekt gebraten, das Messer gleitet förmisch durchs armomatische Fleisch. So herausragend zubereitet, kenne ich Wild sonst nur vom Gottbegnadeten von Welchenberg, Mathias Achatz, und Martin Kandlbinder von der Alten Post in Ponholz. Der Süßkartoffelstampf ist ausgezeichnet - wenngleich, in Relation zum Fleisch, Rosenkohl und der unscheinbar aussehenden angeschmolzenen Cocktailtomate - unspektakulär.

Die Rosenkohlblätter sind auf dem Punkt in Biss und Aroma; mit einem schwer identifizierbaren Fett/Öl - Nussbutter, Haselnuss- oder geröstetes Arganöl? - aromatisiert. Blättchen für Blättchen Hochgenuss! Die Cocktailtomate ist ein geschmacklicher Hammer, Zungenfasching erster Liga. Weshalb? Ich kann nur mutmaßen: Hat die Küche mittels Injektionsnadel etwas Oregano-Öl hineingespritzt ...?

Große Kunst ist dieser Gang unterm Strich! Andere Gäste teilen mein Urteil, der Service solle unbedingt die Küche loben.  Auch ich trage dies, was ich nicht häufig tue, auf ...

Zum Nachtisch serviert man - hier keine Wahloption - einen hauchdünnen Crepe mit Roter Grütze.

Der Crepe ist von der sehr dünnen und guten Sorte, die Rote Grütze schlägt alle Roten Grützen, die ich bislang gekostet habe. Die säuerlichen Aromen von Roten und weißen Johannisbeeren sind trennscharf abgegrenzt, das Gericht nicht überzuckert und das Beerenobst weit davon entfernt, zu einer breiigen Pampe verkocht zu sein. Ganz große Klasse! Hinterher noch einen sehr guten, aber viel zu teuren Espresso, dann ab in die Heia.

Freilich war meine Erwartungshaltung nicht allzu hoch: die Latte lag auf mittlerer Höhe - aber die haben Küche und Service des Stempferhofes mit spielender Leichtigkeit genommen. Der Hauptgang und das Dessert spielt - zu Vergleichszwecken an der Gastronomie im Großraum Regensburg gemessen - in der Liga von Martin Kandlbinder, Helmut Schwögler, Werner Faisst (Heilinghausen), dem Goldenen Krug in Sengkofen, Johanna Sturm (Randeck) und Susi Stangl (Weiberwirschaft, Kalsing). Der Bischofshof zum Beispiel müsste sich meines Erachtens strecken.

Das Frühstücksbuffet lässt keine Wünsche offen. Hervorragende fränkische Wurstwaren, eine schöne Käseauswahl, Rührei mit kross gebratenem Speck und reichlich Vogelfutter nebst frischem Obst für die Lustfeindlichen. Ich habe Geburtstag. Das ist der Hotelleitung nicht entgangen und man hat meinen Tisch zum Frühstück festlich eingedeckt, gratuliert und spendiert eine kleine Auswahl hervorragender Pralinen als Aufmerksamkeit des Hauses zum Jubeltag. Besser kann man das nicht machen. Klasse!

Ich kurve durchs malerische Tal der Wiesent gen Therme Obernsees. Der Parkplatz ist rappelvoll. Unzählige "Familienvans" mit Samanta/Justin-an-Bord-Aufklebern am Heck. Shit ...
Zu meiner Überraschung gewährt mir die Therme auf meinen Hotelgutschein nicht nur einen Preisnachlass, sondern einen Gratis-Eintritt. Regulär hätte ich 12,50 Euro für 3 Stunden Thermenvergnügen berappen müssen.

Unter einer Therme stelle ich mir eine Einrichtung wie in Bad Abbach vor, wo der Altersschnitt der Besucher 70+ beträgt und die Anzahl der Wasserrutschen sich, wie Kinderkreischen und Geschrei, auf exakt Null beläuft. Die Therme Obernsees ähnelt eher dem Westbad, nur ohne jegliche Möglichkeit ganz altmodisch ein paar sportliche Bahnen zu schwimmen. Nur plantschen, im 40-Grad-warmem Wasser draußen und drinnen an den Düsen abhängen und in der Dampfgrotte schwitzen? Nein, nicht mein Fall.

Man sollte ein solches "Bad" nicht "Therme" nennen dürfen, sondern Spaß- und Plantschbad für Samantas & Justins nebst ihren arschgeweihverzierten Erzeugern. Viel zu wenige, dauerbelegte Liegestühlen und kaum echte Ruhezonen.

Heute war es hier das Gegenteil von dem, was ich persönlich erholsam finde. Mein erster und letzter Aufenthalt in Obernsees, versprochen. Man wird gut auf mich verzichten können, dessen bin ich mir sicher.

Heimwärts, kurz vor halb Zwei, Einkehr im Gasthof Sonne in Waischenfeld. Geiles Bier und ebenensolche hausgemachte Sulz mit Musik in tiptop-gepflegtem fränkischen Wirtshausambiente. Kehrt dort ein, wenn ihr in der Gegend seid, und richtet dem Wirt von mir aus, er solle nicht ständig Jammern, sondern das Leben von der positiven Seite angehen!

Das maue Kuchenbuffet im Stempferhof lasse ich heute links liegen und gönne mir ein langes Nickerchen. Warmwasser macht müde ...

Abendessen! Darauf freue ich mich schon seit dem erfreulichen Vorabend. Heute vergesse ich auch nicht die Karte für Euch abzulichten:




Zum Geburtstag darf es heute eine Flasche Wein sein. Die Weinkarte ist ansehnlich, aber fürs Gebotene frech bepreist.

Eine weiße Cuvee aus Escherndorf in Mainfranken soll es sein. Bevor ich für eine Flasche einer dieser völlig überschätzten, belanglosen und - meiner persönlichen Meinung nach - völlig zu Unrecht gehypten Weinchen eines Christian Stahl aus Auerndorf (Tauberfranken) hier mehr als 30 Euro ausgäbe, bestellte ich (!) lieber Spezi ...

Allerdings: Angesichts des Spaßfeuerwerks, den der mittelmäßige Escherndorfer Bocksbeutel für 23,50 Euro zu zünden in der Lage war, wäre ein Spezi tatsächlich die bessere Wahl gewesen ...

Der Gruß aus der Küche: Brot, Butter, Gänsebrust - tadellos, aber kein Burner.

Vorspeise: Schottischer Lachs, Rote-Bete-Carpaccio, Chutney von der fränkischen Williams-Christ-Birne.

Eine stimmige Komposition. Die Rote Bete entfaltet zu wenig ihres erdigen Aromas. Der schottische Lachs geizt mit Alleinstellungsmerkmalen - kein Unterschied zu Supermarktqualitäten erkennbar. Das Birnenchutney ist große Klasse!
Das Meersalz ist viel zu grobkörnig, ein Maldon-Salz wäre die bessere Wahl gewesen.

Hauptgang: Geschmorte Bäckchen vom irischen Weideochsen, Calvados-Apfelsauce, Kartoffel-Sellerie-Stampf, Wirsing-Crunch.

Ein sehr guter Gang, dem es aber in Relation zum Rehmedaillon vom Vorabend an Überraschungsmomenten mangelt.

Die Ochsenbäckchen schmelzen im Mund, der Stampf ist aromatisch ausgewogen und tatsächlich noch ein wenig stückig. Der Sauce kennt man den Calvados zu wenig an. Der Wirsing-Crunch ist hervorragend und - ähnlich wie die Rosenkohlblätter - eine Komponente, die den Unterschied zwischen durchschnittlich und sehr gut für mich persönlich ausmacht.

Dessert: Hausgemachte Nuss-Nougat-Tarte mit Mandarinensoße.

Die Tarte ist von der wuchtigen, schweren Sorte. Der Mürbteil des Bodens etwas brüchig geraten, aber sie schmeckt mir sehr gut.
Die Mandarinensoße ist zu sparsam appliziert und insgesamt zu wenig aromatisch, die Präsentation wirkt vergleichsweise lieblos. Unterm Strich ein akzeptables Dessert aber nicht von der Klasse des Desserts vom Vorabend.



Fazit: Die 3 Tage (2 Übernachtungen mit "Halbpension Plus") im Stempferhof habe ich sehr genossen. Haus und Personal des 4-Sterne-Hauses sind ohne Tadel. Die Küche arbeitet auf gehobenem Niveau mit dem ein oder anderen Akzent in Richtung Spitzenklasse.

Erfährt meine geneigte Leserschaft was dieses Paket (ohne Getränke und Trinkgelder; gebucht über das Reiseportal) nun gekostet hat, so fällt sie womöglich aus allen Wolken: 99 (Neunundneunzig) Euro. Nein, nicht pro Tag, sondern insgesamt. Ich würde wieder buchen ...


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