Freitag, 28. Dezember 2018

Tegernheim kann Pizza: Im Bella Napoli

Es ist noch gar nicht lange her, da ich wenig Schmeichelhaftes in Sachen Pizzabäckerkunst aus Tegernheim zu berichten hatte.

Gut, dass es in diesem östlichen Vorort Regensburgs, zwischen Ostentor und Walhalla gelegen, neben dem Paradiso noch weitere "Italiener" gibt und somit für alle Fans der Pizza - dieses wahrscheinlich erfolgreichsten kulinarischen Geistesblitzes der Menschheitsgeschichte gleich nach der Fränkischen Bratwurst - eine Alternative.

Von der Trattoria "Bella Napoli" soll heute die Rede sein und insbesondere von der Pizza, die man dort serviert ...
von Robert Bock

Claudia Crinuta-Caramidaru und Tino Perna führen laut Homepage das Lokal in der Hauptstraße 71 in Tegernheim. Als ich es am Abend des vierten Advents betrete, meine ich mir sicher zu sein, dass jener Herrgott, dessen Geburtstag er Tags darauf von uns Erdenwürmern zu feiern verlangt, mir einen gebrauchten Tag angedreht hat.

Fieser Schnürlregen von früh bis spät: Regen von der Sorte, wie man ihn in Autowaschanlagen mit feinsten Düsen nachempfindet und ein Eishockeyspiel, dass die Eisbären Regensburg gerade 3:4 gegen den EV Landshut verloren haben. Ich mittendrin und anschließend eine halbe Stunde im Abfahrtsstau auf dem Parkplatz der Donauarena, umgeben von siegestrunkenen Niederbayern und ihren Platz in der Schlange verbissen verteidigenden Autonummern aus SAD und KEH.

Wie heißt es so schön? Sehest du SAD und KEH, dann sei dein Leben in Gefahr? Seit heute glaube ich das. Vor allem, wenn ein Skoda ein solches Kennzeichen trägt: Eine der bevorzugten Marken jener, die überzeugt sind, im Leben gehe es ungerecht zu, sich selbst zu kurz gekommen wähnen und deswegen toujour um ihren Platz in einer imaginierten Hackordnung kämpfen - und sei es beim Verlassen eines Großparkplatzes.

Da hilft nur geduldiges Warten, will man Wortgefechte, Handgreiflichkeiten oder Blechschäden vermeiden ... Endlich habe ich es geschafft und befinde mich auf dem Weg nach Tegernheim, meine Eishockey-Begleiterin bei sich Zuhause abzusetzen.

Es geht auf 21 Uhr zu und beide haben wir mächtig Hunger. Der Fraß in der Donauarena ähnelt dem beim SSV Jahn und liegt verdächtig dicht am Tatbestand kulinarischer Körperverletzung. Wir haben trotz knurrender Mägen verzichtet ...

Wohin jetzt also...? Saloniki? - was viele ja nicht wissen, das liegt in Wahrheit nicht in Mazedonien, sondern ist ein Stadtteil von Schwabelweiß ... Oichi! Panagia mou, zu einem Griechen jetzt, blos das nicht! Ftu-ftu-ftu ...  Paradiso ...? Beliebt meine Begleiterin zu scherzen ...?! Bella Napoli ...? Kenn ich noch nicht, sie auch nicht, also auf nach dem schönen Neapel, was - du liest das in keinem Baedeker! - mitnichten in Kampanien, sondern sehr zentral in Tegernheim liegt!

Beim Betreten des Lokals erlebe ich ein Déjà-vu der unangenehmen Sorte und bin geneigt, den sofortigen Rückzug anzutreten: Apricottöne so weit das Auge reicht, schummeriges Licht, gruselige Tischdeko aus den Neunzigern .. Bin ich etwa im Kreisverkehr falsch abgebogen und versehentlich erneut  im Paradiso gelandet?!

Nein, wir sind richtig ... Krass, wie sich das Ambiente beider "Italiener" ähnelt. Vielleicht gab's ja seinerzeit Mengenrabatt beim Raumausstatter? Wie auch immer: Ein gutes Omen fühlt sich anders an ...

Egal, wir haben Hunger, wir bestellen Pizza. Sie Pizza Diavola mit scharfer Salami und Peperoni (groß, 8,90€), ich die Signature-Pizza des Hauses namens "Bella Napoli" mit Brokkoli und "italienischer Bratwurst" (groß, 8,50€).

Hätte man Salsicca statt italienischer Bratwurst geschrieben, hätte ich es trotzdem verstanden, aber vermutlich 90% der Zielgruppe nicht. So erhöht man mutmaßlich die Wahrscheinlichkeit, dass diese Pizza bestellt wird und erspart dem Service die Beantwortung lästiger Fragen.

Gut, Teufelspizzen kennt man, aber die Kombination Brokkoli/Salssica finde ich bemerkenswert. Denk ich an Napoli, denk ich an die berühmte Pizza Margeritha. Dort wurde sie anno 1889 vom Pizzaiolo Raffaele Esposito von der Pizzeria Brandi erfunden. An Salsiccia denk ich weniger, doch nimmt Kampanien - neben anderen Regionen allerdings - für sich in Anspruch, die italienische Bratwurst erfunden zu haben. Der Bratwurst-Pizza-Kreis schließt sich, führt man sich vor Augen, dass die erste Pizzeria Deutschlands 1952 im unterfränkischen Würzburg - im Broudwäschdland also - eröffnete ... Ich bin auf jeden Fall gespannt.

Wir warten lange. Unangemessen lange ... 30 Minuten für eine Pizza ist für mich persönlich indiskutabel und das Bier vom Bischofshof nicht bemerkenswert genug, um die Zeit schneller vergehen zu lassen.

Im Hintergrund tut der Service, was man nie, nie, nie im Gastraum tun sollte, er sortiert frisch gespültes Besteck mit einer Lust am vehementen Krachmachen, wie man sie nur Dreijährigen zutraut. Minutenlanges Geschepper und Geklirre, laut, dass man kaum sein eigenes Wort versteht - Leute, bei aller Liebe, das geht so nicht in Anwesenheit der Gäste! 

Dann kommen endlich unsere Pizzen! Sie sind beide schön heiß, eher oval als rund, sind ordentlich groß und  - mhhhh! - duften erste Sahne.

Meine Pizza "Bella Napoli" besticht durch dünnen, aber nicht zu dünnen und knusprigen Teig mit dem rechten Maß an Röstaromen.

Teigfladen und Belag befinden sich in ausgewogenem Verhältnis. Der Sugo ist aromatisch eine Wucht. Dazu trägt das ausgetretene Fett der reichlich verteilten Salsiccia bei. Diese ist wunderbar mediterran gewürzt, ich meine gar einen Hauch von Zimt zu erschmecken. Sehr geile Wurst!

Brokkoli kann eine tröge Angelegenheit sein. Auf dieser Pizza nicht. Sehr aromatisch, nicht zu weich, nicht zu knackig - bestens im Biss. Unterm Strich: Die Pizza "Bella Napoli" ist eine schöne Komposition, die Zutaten hervorragend und die Idee handwerklich tiptop umgesetzt! Ich bin begeistert.

Von der Pizza Diavola meiner Begleiterin darf ich kosten. Ebenfalls große Klasse!

Vor allem der sehr runde und tomatigsüß-säuerliche Sugo begeistert mich. Auch die Pepperoni schmecken nach mehr, als nur nach essigsaurer Marinade. Da kommen, trotz merklicher Schärfe, schöne fruchtige Paprika-Aromen durch. Alle Zutaten, wie auch die scharfe Salami, sind erstklassig, die gesamte Machart auch dieser Pizza ohne Tadel.

Die Damen vom Service haben sich mittlerweile mit Weihnachtswünschen an die Gäste in den verdienten Feierabend verabschiedet. Der Chef des Hauses persönlich bringt uns die Rechnung.

Er ist noch recht jung, seine Stimme sanft, melodiös und freundlich. Er sei froh, erzählt er, dass morgen Heiligabend sei und er mit seiner Familie einen freien Tag einlegen dürfe. Ansonsten habe man nur Dienstag Ruhetag und biete seinen Gästen an Feiertagen für gewöhnlich normales Programm. Uns beiden ist der junge Mann sympathisch. Er kämpft mit dem Deutschen, aber er kämpft mit Wissbegier und versucht, ihm fremde neue Vokabeln aufzunehmen und zu verstehen. So erwarte ich persönlich unaufdringliches Eingehen auf den Gast von einem leidenschaftlichen Gastronomen, so baut man Vertrauen und ein familiäres Gefühl auf. Kein Wunder, so mein Eindruck, dass heute viele Stammgäste hier gegessen haben.

Ach, wenn nur das Ambiente des Lokals mit der Pizza mithielte! Vielleicht gibt man sich im Tegernheimer "Bella Napoli" einen Schubs, greift zu frischer Farbe, anständigen Lampen und verpasst sich eine optische Rundumerneuerung. Gleich würde vermutlich nicht nur ich mich wohler und gut aufgehoben fühlen. Die Pizza ist auf jeden Fall einen Wiederholungsbesuch wert.

Ein gebrauchter Tag nimmt ein erfreuliches Ende. Dank Claudia, Tino und ihrer wunderbaren Pizza.

Fazit: Auch wenn die Konkurrenzsituation vor Ort jeweils nicht fair vergleichbar ist: Was für mich persönlich die Pizzeria da Carmine für Regensburg, ist das Bella Napoli für Tegernheim: Dort serviert man zwar jeweils die beste Pizza der Stadt, allerdings ist das Gesamtpaket von Familie de Lorenzis in Regensburg für mich - vor allem wegen des gemütlicheren Ambientes - in sich stimmiger.

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