Mittwoch, 26. Oktober 2016

Gans oder gar nix: Im Gasthof Kellner in Gundelshausen

Reservieren sei nicht nötig, beruhigt mich der Seniorchef am Telefon. Man verfüge über derart reichlich Raum, dass an einem Sonntagmittag für zwei hungrige Gäste, die sich erst zwei Stunden vor ihrem Aufbruch ins Wirtshaus über das Wohin geeinigt hätten, stets ein Plätzchen frei sei.

Manuel Kellner sei ein ausgesprochen talentierter junger Küchenchef und verwende seit geraumer Zeit ihr Olivenöl, das unter anderem auch Anton Schmaus, Mathias Achatz und Helmut Schwögler verwenden, hatte mir meine Freundin Spyridoula verraten. Sie versteht viel vom Kochen, schließlich gibt sie selbst Kochkurse. Ihr Urteil wiegt hoch bei mir ... Zeit wird's also, sich mit eigenem Gaumen ein Bild von den Fähigkeiten des Hochgepriesenen zu verschaffen: Auf zum Gasthof Kellner nach Gundelshausen!

Gundelshausen? Where the f... ?! Nahe Kelheim, nahe Bad Abbach - wer Rennrad fährt kennt das Nest, denn es liegt am Fuße einer der forderndsten Steigungen in unserer Gegend, hinauf nach Bergmatting. Oft bin ich dort durchgeradelt, nie hielt ich an. Heut mit dem Auto, heut ist schließlich das Anhalten der Exkursion Anlaß ...
von Robert Bock

Von außen her macht der Gasthof Kellner nicht viel her. Ehrlich gesagt fiele ich wohl ohne Spyridoulas Empfehlung nie und nimmer der Idee anheim, hier einzukehren.

Unscheinbar wirkt das Lokal auch von den Ausmaßen von der Straße her, entpuppt sich aber beim Betreten als nachgerade riesig: Mehrere Gaststuben und ein riesiger Saal. Dort lassen sich gepflegte Landhochzeiten feiern. Hundert Gäste und mehr sollten kein Problem sein.

Die für die Brotzeiten verwendeten Wurstwaren werden im Hause selbst produziert. Darauf steh ich ... Seniorchef Johann Kellner ist seines Zeichens Metzgermeister. Das lässt auf Sachverstand, respektvollen Umgang mit und Liebe zum Produkt hoffen.

Die Tische in den Gaststuben sind alle besetzt. Wie gesagt: es ist Sonntag ... Wir werden in den Saal gebeten, der zu einem guten Drittel um kurz vor Mittag belegt ist.

Das Ambiete ist hell, sauber und gediegen. Holzvertäfelte Decken, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht aus dem Baumarkt, sondern vom Meisterbetrieb gefertig. Pompöse Glaslüster ließen jedes kitschverliebten Russen Herz höher schlagen.

Es ist schon ein paar Jahre her, da sah ich in Kasan und Krasnojarsk mit eigenen Augen Dinge, derart unbeschreiblich hässlich, dass sie bei gegen Kitsch empfindlichen Gemütern zuverlässig zu feuchten Augen und Schnappatmung führen. Dagegen ist das Ambiente im Saal des Gasthofs Kellner von beinahe klassischer Schlichheit. Kurzum, mein Stil ist das nicht, aber wem's gefällt, der wünscht sich's für daheim bestimmt kein Jota anders; wer hier beschließt zu heiraten, vergisst den "schönsten Tag des Lebens" mit Sicherheit nicht ...

Die Damen vom Service sind allesamt ausgesprochen freundlich, flott und agieren wohlkoordiniert. Auch die Seniorchefin, Frau Kellner, schaut vorbei, grüßt jeden Gast - die Stammgäste wie auch uns "Ersttäter" - und erkundigt sich nach unserer Zufriedenheit mit Speis und Trank ... Doch ich habe vorgegriffen, denn noch haben wir nichts bestellt ...

Die Speisekarte ist ein herausragendes Beispiel einer schönen Sonntagskarte in einem traditionellen bairischen Wirtshaus auf dem Land. Zwei Seiten genügen, um die Speisen vorzustellen. Behutsam gesetzte, modernistische Einsprengsel wie der Kartoffelbaumkuchen zum Zwiebelrostbraten sorgen für Augenbrauenheben. Die Preise sind nur rund 20 Autominuten von Regensburg entfernt wohltuend erdverhaftet. 
Wo findet man das noch, ein Drei-Gänge-Menü mit Maroni-Suppe, Schweinsbraten mit allem Pipapo und einem Dessert für 12,90 EUR?

Auch der Rest der Karte (siehe Fotos) lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ausgerechnet das Gericht, das heute nicht auf der Karte steht, bestellen meine charmante Begleiterin und ich: Gänsebraten mit Reiberknödel, Blaukraut und Salat für 17,50 EUR.

Vielleicht sieht das meine geneigte Leserschaft anders, aber ich meine, man muss die raren Gelegenheiten nutzen, wenn es Gans auf der Karte gibt. Schweinsbraten vielleicht ein andermal. Der heißt hier auch SchweinSbraten, wie es sich gehört. SchweinEbraten gibt's bei Preissn im Geiste, die auf bairisch machen. Sogar im ältesten Gasthaus der Welt. Mich törnt das ab. Die Liebe zum Detail verträgt keine faulen Ausreden ...

Ich hätte gerne den fränkischen Müller-Thurgau vom Weingut Klaus Höfling probiert, doch der ist leider ausgetrunken. Die Bedienung bietet uns als Alternative einen Grünen Veltliner vom Weingut Völkl, Lengenfeld (AUT) an. Ein Grüner Veltliner ist selten eine schlechte Wahl als Speisenbegleiter - und dieser - der Hauswein der Kellners! - ist eine ausgesprochen gute Wahl: Fruchtig, schönes Säurespiel und im Abgang ein ausgeprägtes sortentypisches Pfefferl.

Lange wurde mir in einem bairischen Wirtshaus kein derart runder Grüner Veltliner mehr kredenzt. Noch dazu perfekt temperiert in einer schönen Karaffe und perfekten Weißweingläsern. Das lob ich mir - alle Achtung! In einem Landgasthaus in Bierbayern will Weinkultur in dieser Form etwas heißen! Generell läßt die Weinkarte Sachverstand und ein gutes Händchen bei der Wahl der Weinbaubetriebe erkennen, soweit mir diese aus eigener Erfahrung bekannt sind. Das Preisniveau der Weine ist im portemonnaieschonenenden Bereich und vom Preis-Genuss-Verhältnis schwer zu toppen.

Die Biere liefert im Gasthof Kellner die Löwenbrauerei Passau. Kenner wissen damit etwas anzufangen.

Unseren Beilagensalat dürfen wir wahlweise am Buffet selbst zusammenstellen, man bringe ihn uns aber aber gerne auch an den Tisch, erklärt uns der Service nach Aufnahme der Bestellung.

So wandern wir ans Salatbuffet und stellen uns unseren Beilagensalat zur Gans nach gusto zusammen. Die Auswahl ist reichhaltig, bis auf den Karottensalat - der kommt wohl leider aus dem Glas - sind alle Optionen frisch gemacht. Der Kartoffelsalat ist in Ordnung, der süß-saure Rettichsalat ist fantastisch, der hauchdünn gehobelte Krautsalat exquisit abgeschmeckt. Zweierlei Dressing für die bunten, knackigen Blattsalat stehen zur Wahl. Summa summarum: Das geht gut los!

Kaum zurück am Tisch kommt schon die Gans! Wir trauen unseren Augen kaum und sind froh nichts gefrühstückt zu haben: Eine Riesenportion, ein Viertel Gans nebst Knödel, verströmt einen betörenden Duft. Wir müssen schlucken: Das Wasser läuft uns beiden im Mund zusammen. Ich koste zunächst die Gans: Die Haut rösch und knusprig, herausragend fein gewürzt, das Fleisch saftig und perfekt im Garpunkt; die Soße ein kraftstrotzendes, dicht, dichter am dichtesten konzentrierter Geschmack, wie ihn nur Könner am Herd mit Liebe zu Produkt, Tradition und Detail hinbekommen. Großartig! Küchenchef Manuel Kellner kann das - Spyridoula hat nicht ein Gran übertrieben!


Das Blaukraut besticht durch seine sämige, gerade noch stückige Konsistenz und wunderbar abgerundetem Süße-Säure-Spiel. Besser kann man das kaum machen! Ob allerdings die Reiberknödel handgedreht sind, dafür wage ich meine Hand nicht ins Feuer zu legen. Wenigstens wurden sie auf den Punkt gegart und muten nicht wie anderswo wie Tennisbälle an. Ein Minuspunkt, falls ich Recht haben sollte, jedoch kompensieren Gans, Soße und Salat dieses Detail.

An sich sind wir beide pappsatt, aber ich hatte schon zu Beginn Marilleneisknödel bestellt. Die teilen wir uns nun.

Mit 7,20 EUR ist dieses Dessert vergleichsweise hoch bepreist und erfüllt meine Erwartungen nur bedingt. Meine Benchmark hat das Stift Göttweig am Ostrand der Wachau einst gesetzt: Außen heiß, in köstlichem Butterschmalz herausgebacken, innen eiskalt. Hier sind die Knödel durchgängig kalt und die Kruste nussig. Nicht mit meiner Referenz vergleichbar, da anderen Charakters. Dieses Dessert würde ich persönlich deswegen nicht ein zweites Mal bestellen, auch wenn es ansonsten gut gemacht, wohlschmeckend und - mit Ausnahme des Waffelröllchens aus dem Eisdielenzubehörsortiment - ansprechend präsentiert war. Hervorragend vom Geschmack her waren die Brunoise von zweierlei Melonen in der Deko - die Himbeere und Brombeere sollte man nur versuchen, wenn man knallsaures Obst liebt. Physallis sind m.E. so out of fashion wie Sternfrucht. Unterm Strich: Es gibt auf der Karte genügend anderweitige Dessert-Auswahl, die mich künftig mehr locken wird ...

Wir bezahlen in der Summe 51 EUR (2xGans, 1xWasser, 2xWein, 1xDessert) und verlassen den Gasthof Kellner satt und zufrieden.

Ein ausgedehnter Spaziergang an einem sonnengefluteten Oktobersonntag hilft beim Verdauen. Wir werden wiederkommen, beschließen wir. Dieser bairische Landgasthof hat sich diese seltene Ehre mit einer überzeugenden, wenngleich im Detail noch steigerungsfähigen Küchenleistung sowie freundlichem, flotten Service heute in jedem Fall verdient.

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