Donnerstag, 3. November 2016

Rotwein aus Portugal: Drei Preiskracher von Lidl im Test

"Test" ist gut gesagt: "Selbstversuch" wäre angesicht des Preises dieser drei Tröpchfen aus dem Online-Weinangebot des Discounters angebracht, denn zwei der Kandidaten aus Europas Südwesten kosteten 2,99 EUR und einer gar nur 1,99 EUR pro 0,75-Liter-Flasche.

Würde ich den Konsum derart obszön billiger Tröpfchen in durchaus schicker Aufmachung ohne Kopfschmerzen überstehen ...? Ein, zwei Schlucke - dann lieber die Planung der Küche fürs Wochenende auf in Rotwein geschmortem Rindfleisch umstellen ...? Würde ich mich gar in einen Mr. Hyde verwandeln und dem schrecklichen Schicksal des Dr. Jekyll in Robert Louis Stevensons Novelle anheimfallen...?
Man kennt das ja, als fortgeschrittener Weinfreund: Es ist reichlichst  untrinkbares Zeug in den niedrigen Preisbereichen auf dem Markt, aber man lernt eben vor allem aus eigener Erfahrung.
von Robert Bock

Ja, ich bin ein Freund portugiesischer Weine, auch wenn meine Erfahrung mit diesen bislang überschaubar ist. Portwein mag ich ebenfalls sehr gern, aber heute soll die Rede von "normalen" Rotweinen sein. Nie wurde ich bislang richtig enttäuscht, aber stets hatte ich - meiner Erinnerung nach - teils deutlich mehr als acht Euro für eine Flasche bezahlt. In der Donaustaufer Straße in Regensburg gab es früher mal einen sehr kompetenten Weinhandel ("Die Weingeister") - die kannten sich richtig gut aus mit Weinen aus dem Land des amtierenden Fußball-Europameisters ...


Beim Stöbern in Lidls Oktober-Weinprospekt stachen mir neulich ein paar Portugiesen ins Auge: eine Portugal-Aktion im Oktober. Flugs den Rechner angeschmissen und den Online-Shop konsultiert ... Wie? Versandkostenfrei im Oktober und November, sofern die Gesamtrechung über 30 EUR notiert? Nun denn, wer nicht wagt, der nicht gewinnt und Neugier ist des Weinfreunds erste Pflicht ... 


Kandidat 1:
2014er Cardal Vinho Tinto | Vinho Regional Tejo | 13% Alc.| Preis 3,99 EUR (2,99 EUR Aktionspreis)

Im Glas (Spiegelau Authentis Bordeauxkelch) präsentiert sich der Wein in einem dichten, samtigen Rot mit violetten Reflexen und ausgeprägten Schlieren am Kelch.

In der Nase explodiert nach kurzem Lüften ein beeindruckendes Bouquet: Hibiskus, Sumach, Nelken, Sternanis, Gewürze - keine klar identifizierbare Frucht, florale und Noten von Gewürzen dominieren.

An Zunge und Gaumen fallen zunächste deutliche Tannine auf, die insgesamt noch zu ruppig sind. Nach längerem Lüften bauen sie sich ab und der Wein wirkt samtiger, kann aber dennoch nicht halten, was die Nase versprochen hat. Nach wie vor keine klar strukturierte Frucht, generell eine Spur zu dünn, gemessen an der Wucht, die er in der Nase entfaltet. Nicht enttäuschend, jedoch für meinen Geschmack nicht ausgewogen.

Ferner: Ein guter Naturkorken, ansprechendes Design von Flasche und Etikett - für den Aktionspreis ein ordentlicher Wein.

Speisenbegleitung: Kurzgebratenes rotes Fleisch (Lammkotelett), dunkles Geflügel (Gans, Ente, Fasan), Wildhase

Nochmal?: Nein.









Kandidat 2:
2015er Veritas | Palmela | Castelao, Cabernet Sauvignon | 13,5% Alc. | 4,99 EUR (Aktionspreis 2,99 EUR)

Im Glas (Spiegelau Authentis Bordeauxkelch): Sehr dunkles, fast schwarzes Brombeerrot, keine ausgeprägte Schlierenbildung am Kelch

Nase: Brombeere, schwarze Johannisbeere, eingelegte Trockenpflaumen, Kräuter (Thymian, Bohnenkraut)

An Zunge und Gaumen: Piment, Kakao, Nelken, Sternanis - keine klar identifizierbare, aber schöne  Frucht, langer Abgang.

Ferner: Sehr guter Naturkorken, hochwertige Flasche. Neben der autochtonen Castelao-Rebe wurde der weltweit verbreitete modische Klassiker Cabernet Sauvignon in dieser Cuvee verwendet. Dies sorgt für einen gewissen Wiedererkennungswert und anheimelnde Aromatik für den nicht allzu fortgeschrittenen Weintrinker. Ein sehr gefälliger Wein, mit dem man nichts falsch macht.

Speisenbegleitung: Steak, Roastbeef, Tartar, Wild, Lamm, Datteln im Speckmantel, Rosmarin-Kartoffeln, Leberpastete

Nochmal?: Zum Aktionspreis von 2,99 EUR ein glasklarer Kauf - für 4,99 EUR regulär kann, aber muss man ihn nicht zwingend ins Auge fassen. Ein schöner Speisenbegleiter zu den genannten Schwerpunkten für alle Tage.










Kandidat 3:
Almocreve Reserva | Alentejano, Alentejo | Cuvée aus 35% Aragonez, 35% Trincadeira, 30% Alicante Bouschet | 13,5% Alc. | 2,49 EUR (Aktionspreis 1,99 EUR)

Im Glas (Spiegelau Authentis Bordeauxkelch): Rubinrot, violette Reflexe, dicht, extraktreich, zähe Schlieren am Kelch

Nase: Veilchen, Lavendel, eingelegte, getrocknete Pflaumen, Nelken - Wow!

Zunge & Gaumen: Pflaumen, Marzipan, Bittermandel, Mon Cherie, samtige Tannine, schöne Länge  - erneut von mir ein Wow!

Ferner: guter Naturkorken, wertige Aufmachung.

Speisenbegleitung: Geschmortes (rotes) Fleisch, Putenoberkeule, Straußensteak, Bison, Wildschwein, Feldhase, Pasta mit roten Soßen, reifer Gouda, Parmesan/Grana/Peccorino und ähnliche gereifte Käsesorten, luftgetrockneter Schinken aus dem Mittelmeerraum, Salami mit Walnüssen.

Nochmal?: Selbst zum regulären Preis von 2,49 EUR ist dieser Wein ein glasklarer Kauf - und zwar mindestens eine Kiste, denn er dürfte, gemessen an der Tanninstruktur, noch mindestens gut zwei Jahre Freude machen und sich entwickeln. Nicht nur als Speisenbegleiter, nein auch als Wein, den man einfach so trinken kann und seine Freude daran haben wird. Selten hat mich ein Wein unter drei Euro so angenehm überrascht. Ein Wein zu 1,99 EUR (Aktionspreis) schon gar nicht ...

Man mag sich freilich wundern, wie es die Portugiesen schaffen, ein derartig rundes und sogar überraschendes, facettenreiches Weinchen zu diesem Preis auf den Markt zu bringen? Vielleicht ist es auch besser, dieser Frage nicht allzuviel Raum zu geben, sonst könnte angesichts des Lohnniveaus in Portugals Weinwirtschaft und den kostenminimierten Bewirtschaftungsmethoden möglicherweise das schlechte Gewissen den Genuss vergällen ... 

 
Fazit des Tests/Selbstversuchs: 

  • Kandidat 3 lag nach meinem persönlichen und für euren Gaumen unmaßgeblichen Geschmack vor 2 und dieser vor 1.
  • Keiner der drei Weine entäuschte, anders, als in jüngerer Zeit preislich dreifach und höher angesiedelte Italiener im Angebot von Lidl und anderswo. Italiens Weinwirtschaft scheint mir auf dem Wege, nach und nach ihren über die Jahre zurecht angesammelten Kredit zu verspielen. Was aktuell aus der Toskana beispielsweise unter wohlklingenden DOC- und DOCG-Bezeichnungen in Supermarktregalen steht, ist in der Breite ernüchternd bis enttäuschend.
  • Diese drei Portugiesen beweisen, dass schöner, alltagstauglicher Rotwein für jeden Geldbeutel erschwinglich sein kann. Insbesondere der 2014er Almocreve Reserva - für schlanke 2,49 EUR, den es auch als Nicht-Reserva für regulär 1,99 EUR gibt - ist für mich persönlich eine echte Entdeckung als einer meiner Alltagsrotweine für die kalte Jahreszeit.


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