Freitag, 27. Mai 2016

Das wahrscheinlich beste Bier der Welt: Beim Gradl in Leups

Nirgendwo in Deutschland existieren noch so viele kleine Brauereien wie in Oberfranken. Nirgendwo werden so charaktervolle, eigenständige Biere gebraut und nirgendwo gibt es dazu eine so hinreissende wie schlichte Brotzeit wie dort.

Ein Unikum unter diesen vielen charmanten Dorfbrauereien, und eines meiner und Madames Lieblingswirtshäuser, ist der Brauerei Gasthof Gradl im Weiler Leups bei Pegnitz.

Einladend sieht er nicht gerade aus, dieser Gasthof, aber wer über seinen Schatten springt, seinen Wagen im Innenhof abstellt und es sich auf einer der orangutanfarbenen Biertischgarnituren bequem macht, wird einer jener tiefgreifenden Erfahrungen teilhaftig, derer das Leben nicht allzu viele bereit hält.

Warten ist dem Novizen angesagt - warten auf einen Service, der nicht kommen wird, denn hier draußen ist Selbstbedienung. Intelligente Zeitgenossen erkennen das schnell am regen Rein und Raus ins Wirtshausinnere. Weniger intelligente Zeitgenossen sitzen womöglich noch immer dort und entschleunigen im leupser way of chilling.
von Robert Bock

Ich gebe zu, ich bin etwas voreingenommen, was den Gradl in Leups angeht. Meine Mutter wurde hier geboren. Bei meinen Urgroßeltern und meinem Großonkel Schorsch, die hier eine Landwirtschaft besaßen, hab ich viele schöne Kindheitstage verbracht und erinnere mich eines intergalaktisch schmeckenden roten Pressacks, unsagbar guten Bauernbrotes und selbiger Butter in der Küche meiner Urgroßmutter.

Sie trug jahrein jahraus Tracht und benutzte einen uralten Herd, der mit Holz befeuert wurde und im Winter war das die einzige Wärmequelle des alten Fachwerkhauses, das längst einem zeitgemäßeren Haus gewichen ist. Grüner Salat, frisch aus dem Garten, ausgelassener Speck vom hausgeschlachteten Schwein, ein wenig Zucker und Essig darüber, Schnittlauchröllchen: Der beste Salat, den ich je gegessen habe! Meine Ur-Oma war eine großartige Köchin!

Zum Gradl hat mich mein Ur-Opa, Veteran des WK I und Bürgermeister von Leups während des zweiten Weltkriegs, ein-, zweimal mitgenommen. Obwohl sein Stammlokal eher das andere in Leups damals ansässige Wirtshaus war. Ein Bier bekam ich nicht ab, jedoch ein Cola und reichlich Geschichten vom Krieg und den Qualm dicker Zigarren. Wenn das meine Mama gewußt hätte ...

Seither bin ich immer wieder einmal hergekommen. Bis letztes Jahr führten noch die Seniorchefs das Wirtshaus. Der Wirt, ein vom Leben und harter Arbeit krummgebeugter Mann, zapfte, egal wie lang die Schlangen bis hinaus in den Hof auch waren, das unendlich süffige dunkle Bier des Gradlbräu in aller Seelenruhe. Seine Frau in der Küche war immer auf ein Schwätzchen aus, wenn man auf seine Brodwörscht mit Kraut, Zieberlaskäs oder den Pressack mit Musik wartete: Fremde Gesichter bei uns im Dorf? Na sowas?

Diesmal eine Überraschung: Junge Leute! Drei an der Zahl und kaum Mitte 20 führten am Muttertag das Regime. Und freundlich alle drei - sensationell. Warm der Empfang, kühl das dunkle Bier, das so herrlich nach Schwarzbrotrinde schmeckt und einen Trinkfluß generiert - Weltklasse! Vor allem auch als Radler meint Madame und sie hat Recht!

Trotz reichlich Bratwurst beim Fränkischen Bratwurstgipfel in Pegnitz: Wir haben Platz für eine Portion gemischten Pressack mit Brot gelassen? Warum? Weil dies der gottverdammt beste Pressack weit und breit, vielleicht sogar der Welt ist! Vor allem der Weiße! Das will etwas heißen! Selten performt ein weißer einen roten Pressack aus. Hier ist das so!

2 EUR das Bier, 3,60 EUR der Pressack. Da kehrt man gerne ein und muss den Geldbeutel nicht dreimal wenden, wenns ans Zahlen geht.

Heute ist am frühen Nachmittag ausnahmsweise wenig los beim Gradl: Der besagte Fränkische Bratwurstgipfel wogt im nahen Pegnitz und es ist außerdem Muttertag. Da verhockt man nicht den Tag im Wirtshaus, auch wenn das hier ungemein entspannend sein kann ...

Zwei Zecher sitzen vor ihrem Seidla. So heißen hier die Halbliterkrüge. Der eine sieht aus, als schliefe er seit mindestens drei Wochen unter einer Brücke. Abgefuckte gelbe Crogg-Gummischlappen hat der geschätzte Frühsechziger an, trägt aber Goldkettchen und eine Pilotenbrille wie Tom Cruise einst in Top Gun ...
Ob der Typ noch lebt oder zählt er zum Inventar? Irgendwie erinnert er mich an Homer Simpsons Freund Barney Gumble und Schildgröde aus "Ditsche" ...

Doch, da - er hat sich bewegt! Jetzt drückt er sich sogar in die Höhe und schlurft in seinen Plastikgaloschen auf die parkenden Autos zu ... Er wird doch nicht? Ja, mi leckst am Arsch! Er steigt tatsächlich in den betagten roten 911er ein und läßt demonstrativ den Motor gurgeln ...

Willkommen in Leups, sag ich zu Madame, wir stoßen an und unser Tag ist gerettet.

2 Kommentare:

  1. Sollte ich dieses Leups bei meinem nächsten Besuch in oberfranken im September finden kehr ich da ein ihr habt mir richtig Appettit gemacht...lg Rita

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  2. Meine Frau u.ich kehren sehr gerne in
    Leups beim Hans ein.
    Sein Bier ist unser Geschmack
    Kommen aus dem NürnbergerLand

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